478 Perier und das Persische Ministerium
Nutzen oder persönlichem Vortheil irgend einer Art. Als 1828 Martignac undSt.-Cricq der Verwaltung einen constitutionnellern Geist gaben, zog sich P. vonder Opposition zurück; er verlor aber dadurch seine Popularität sowenig, als vor-her die Hofgunst. Doch hielt ihn auch Krankheit ab, an den parlamentarischenKämpfen theil zu nehmen und gegen die Sinecuren, das Preßgesetz und dasBudget von 1829 zu sprechen. Dagegen wollte er die Grundsätze, deren Ver-letzung zu der Juliusrevolution die Bahn gebrochen, stets in voller Kraft erhaltenwissen, und er würde, auch wenn Karl X., der ihn — zu spät — am 30. Jul.183t) zum Minister ernannte, oder dessen Enkel den Thron nicht verloren hätten,derselbe redliche Anhänger jener Grundsätze geblieben sein. In der Juliusrevolu-tion sah er den Triumph demselben, und keine neue Theorie. Darum kämpfte erfortan für das erhaltende Princip. Die neue Regierung erkannte bald, daß P.der Einzige sei, der durch einen unbescholtenen, ehrlichen Namen, vieljährige Po-pularität, persönlichen Much, Entschlossenheit und klares Bewußtsein Dessen, waser wolle, dem Andränge der Anarchie, welche die Larve eines utopischen Republi-kanismus vorhielt, widerstehen könne. Ludwig Philipp berief ihn daher am18. März 1831 an die Spitze des Ministerrates.
In dem Artikel Frankreich ist bereits erwähnt, daß P., als LudwigPhilipp sein erstes Ministerium am 11. Aug. 1830 ernannte, Mitglied desMinisterrathes ohne Portefeuille wurde. Er stimmte damals nicht immer mit derMajorität, und durchkreuzte oft die Absichten des Ministers Dupont de l'Eure undLafsitte's. P. hörte daher auf Mitglied des Conseils zu fein, als Lafsitte an dieSpitze des zweiten Ministeriums trat, das der König am 2. Nov. 1830 ernannte.Die Unentschiedenheit dieses Ministeriums aber, das zwischen der Erhaltungs-und der Bewegungspartei hin- und herschwankte, sowie die Gebrechen in der Fi-nanzverwaltung machten bald es dringend nothwendig, einen entschlossenen und festenMann an die Spitze der Verwaltung zu stellen. Dieser war Casimir P. Der Königselbst soll ihm persönlich nicht geneigt gewesen sein; allein er kannte die Kraft des Man-nes, welcher den innern, von Parteien bedenklich aufgeregten Austand des Reichsordnen und befestigen, den Frieden erhalten und dem Gesetze Ansehen geben sollte.Also wurde P. am 13. März zum Minister Staatssecretair des Innern undPräsidenten des Conseils ernannt; Baron Louis, P.'s Freund, an Lafsit-te's Stelle zum Finanzminister; Barthe zum Siegelbewahrer, Justizminister undPräsidenten des Staatsrathes; Graf von Montalivet zum Minister des öffentli-chen Unterrichts und des Culrus; Gras von Argout zum Minister des Handysund der öffentlichen Arbeiten; der Viceadmiral de Rigny zum Minister der Ma-rine und der Colonien. Graf Sebastian! blieb Minister der auswärtigen Angele-genheiten *), und Soult Kriegsminister. Die Lage des neuen Ministeriums warschwierig; P. gab ihm Kraft und Haltung. Sein System war: Die Charteund der Friede!") Gegen ihn und sein System erhoben sich Verschwörungenund Aufstände in Paris, Lyon, Grenoble — seine Vaterstadt — und in der Vendee;gegen ihn drängte die Verwickelung der äußern Verhältnisse in Polen, Belgien undItalien; gegen ihn verschworen sich die Associationen, die Propaganda derRepublikund die Partei des Krieges! Wie P. gekämpft und was er geleistet hat, ist im Arti-kel Frankreich gesagt worden; was er gelitten, beweist sein Tod; was er gewolltund in unsäglicher Qual zu erreichen sich abgemüht, ist die Quelle seines Seelen-leidens geworden, welches den heftigen und leidenschaftlichen Mann wie ein inneresFeuer verzehrte. Er wollte während der 14 Monate seiner Amtsführung die Ord-
*) Während Sebastiani's Krankheit übernahm P. auch das Auswärtige com25. Dec. 15Z1 bis zum 14. März 1832.
") S. P.'s K'de nach (5>öfsnuna der Kammersitzung im Jul. 1831 im ,.Po-litischen Journal Aug. 18sl.