solchen Grade, wie vor ihm noch nie ein Virtuose. Was alle änderst Künstler alsden höchsten Triumph ihrer Fertigkeit betrachten, ist für ihn nur der ebene Boden,auf welchem er sich fortwahrend bewegt; wenn man daher die Leistungen jener alsdie Durchschnittshöhe des Gebirgs betrachten kann, zu der sie sich über die Ebeneder Gewöhnlichkeit erhoben haben, so ragt P. von diesem Gebirgskamm noch alseine einzelne wunderbare Kuppe bis in die Wolken empor, wo das Maß seinerHöhe dem irdischen Blick entschwindet. So werden die höchsten Gipfel rings umihn her die Basis, auf welcher er erst anfangt, sich in die freien Regionen seinereigensten Selbständigkeit zu erheben. Doch ist es nicht diese Vollkommenheit derMechanik allein, welche ihm seine zauberische Herrschaft über das Instrumentsichert, sondern in ihm waltet ein künstlerischer Geist, der, in die tiefsten Geheim-nisse des Schönen eingedrungen, uns eine romantische Zauberwelt erschließt. Wirsagen absichtlich eine romantische, weil in der That' P.'s Spiel wesentlich diesen ,Charakter hat, und, wenn ihm ein Vorwurf gemacht werden sollte, es allein dersein könnte, daß er, wie man es insgemein auszudrücken pflegt, keinen reinenStyl hat. Allein diese Foderung scheint, wenn man die Natur dieses Künstlersim Ganzen betrachtet, ebenso unzulässig, als wenn man es Jean Paul zum Vor-wurf machen wollte, nicht in Göthe's gereinigtem feinen Styl zu schreiben. Jeder,dem die Kunst nicht ein äußerlich erworbenes Gut ist, muß seine innerste Jndivi-NW dualität in derselben ausprägen; nur nachbildenden Talenten, aber nicht selb-^ ^ ständigen Genien ist daher der Weg vorzuschreiben, den sie nach ästhetischen Prin-cipien zu wandeln haben. Leben und Kunst üben eine rückwirkende Kraft aufein-'e «N aus; in einem sehr hohen Grade ist dies bei P. der Fall. Sein Charakter
/iM- ^ ^ Schlüssel zu den Geheimnissen seiner Kunst, und diese erklärt uns allein dieWidersprüche und Seltsamkeiten seiner Individualität auf eine genügende Weise.Man darf sagen, daß die verschiedenen Brüche der Functionen des Geistes wie desGemüths bei ihm alle in dem Generalnenner der Musik aufgehen. Selbst stärkereLeidenschaften, die ihn bewegen, wie z B. das Hazardspiel und jene italienischeArt sinnlich-geistiger Liebe, sind zuletzt doch von geheimen Banden der Musik um-sponnen und bleiben dieser gehorsam. Ohne eine so sein ganzes geistiges Systemdurchdringende Gewalt dieser Kunst wäre es absolut unmöglich zu nennen, daß ersie in einem solchen Grade beherrschen oder vielmehr sich mit ihr identisiciren konnte.Sie aber besitzt sein Innerstes auch so ganz, daß sie ihn fast von allen übrigen Er-scheinungen des Lebens ganzlich abzieht und ihm die Empfänglichkeit dafür in ei-nem Grade raubt, der nur bei solchen Menschen eintreten kann, die mit entschie-denster Nothwendigkeit einer einzigen Richtung folgen. Dadurch werden solcheIndividuen Fremdlinge in den gewöhnlichsten Verhältnissen des geselligen Zustan-des; wie sie selbst Ausnahmen von dem allgemeinen Gesetze sind, so verlieren sieauch die Kraft und Fähigkeit, sich den allgemeinen Bestimmungen unterzuordnen.Und tiefer gefaßt, haben diese, welchen nach einer mittlem Durchschnittshöhemenschliche Fähigkeiten und Eigenschaften gegeben sind, auch kein Recht an jenenabgesonderten Erscheinungen. Der Gebildete sollte wenigstens so denken und dieErfahrung zu Hülfe nehmen, die ihm lehren muß, daß jeder außerordentliche Ge-nius, er sei Feldherr oder Künstler, Staatsmann oder Dichter, sich die Gesetzeseines Wirkens selbst gibt und überall die Schranken durchbricht und überschrei-tet, welche für das gemeine Bedürfniß gezogen sind. Freilich finden hierbei steteEonflicte statt, welche beide Theile nicht selten empfindlich verletzen. Wer in P.den Geschäftsmann, den Gatten, den Vater, den Freund suchen wollte, würdesich (ohne daß wir ihm ein tiefes Gefühl für die letztgenannten schönen Verhältnissedes Herzens absprechen wollen) stets in ihm irren. Denn im Leben kommt esauf eine praktische Ausführung tausend einzelner Pflichten an, um die Idee einesVerhältnisses, die in dem Künstler oft lebendiger lebt als in dem aus gewöhn-Esnv.-Lex. der neuesten Seit und Literatur. I!l.
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