314 Odekben
ganze nachfolgende Woche ausdehnt. Mehr als 70 — 80,000 Menschen faßtam Festsonntage, wenn das Wetter günstig ist, die große gegen Süden der Stadtgelegene und eigens dem Feste gewidmete Theresienwiese; eine kleine Stadt vonWirthshäusern hat sich gebildet, Fahnen wehen von hohen Masten, und aufmannichfache Weife kündigt sich die besondere Feier an. Wohl erkennend in-deß, daß nur bei inniger Verbindung mit dem Leben selbst solche Feste gedeihenkönnen, hat der Stifter desselben ihm einen Inhalt gegeben, der es von jederVeraltung schützt. Es wird nämlich zu diesem Tag das Beste, was jederzeitdurch Viehzucht und Ackerbau im Königreich gewonnen ist, eingebracht, um diedafür eingesetzten Preise zu gewinnen, die nach einem zweifachen Maßstabe be-stimmt werden, nach der Entfernung von München und nach dem eigentlichen !Werth. An der Südseite der Wiese erhebt sich der Boden terrassenförmig, um ei- jnen Theil der Zuschauer aufzunehmen; gegenüber ist das königliche Zelt aufge- ^schlagen, und dahinter werden in verschiedene Stande die Pferde, das Rindviehu. s. w. eingestellt, sowie in einer Bude die Erzeugnisse des Acker-, Garten- und Sei-denbaues in Baiern gezeigt. Ist der König und der Hof in Begleitung der reitendenNationalgarde, unter dem Begrüßen verschiedener Musikchöre und der Kanonen, inseinem Zelte abgestiegen, so begibt er sich alsbald unter das Volk, besichtigt das Preis-vieh, und theilt, zurückgekehrt, die durch eine Prüfungscommission festgesetzten !Prämien aus, wo man dann oft sich der Erinnerung an classische Zeiten nicht er-wehren kann, wenn einer der kraftigen Bergbewohner, ein edles Roß oder einen >schwerwandelnden Ochsen führend, vor des Königs Zelt tritt, und die silbernenMünzen und die bunten Preisfahnen aus seiner Hand empfangt. Ist dies vorüber,so beginnt ein Pferdewettrennen, woran meist 20—30 Pferde theilnehmen, vonwelchem das schnellste den Weg von einer Stunde in 9 —10 Minuren zurücklegt.Zuweilen schließen sich daran noch Ringelstechen und vergleichen, immer aber Vo-gel- und Scheibenschießen, Schießen nach dem laufenden Hirsch und Ähnliche.Den zweiten Sonntag wiederholt sich das Rennen und das Fest wird mit einemgroßen Feuerwerke geschlossen. (13)
Odelebcn (Ernst Otto Jnnocentius, Freiherr von), geboren am 13.März 1777 zu Riesa, trat sehr jung in sachsische Kriegsdienste und ward1792 zum Offizier bei der Garde du Corps ernannt. Der Chef dieses Regi-ments, der durch die Schlacht von Collin berühmt gewordene General derCavalerie von Benkendorf, ein wissenschaftlich gebildeter, feuriger und prak-tischer Veteran, dessen Biographie Schlichtegroll's „Nekrolog" enthalt, schenkteihm sein Vertrauen; so bekleidete O. von 1798 —1803 die Adjutanten-stelle im Regiments und empfing vor dem Tode seines Chefs noch von ihmdessen handschriftliche Biographie und den Säbel, welchen derselbe in der Schlachtvon Collin geführt hatte. Es gelang O. nicht, seine Wünsche erfüllt zu se-hen, den Feldzügen am Rhein als Volontair beizuwohnen. Die großen Ereig-nisse der folgenden Zeit und Bonaparte's Ruhm zogen ihn so mächtig an, daßer 1802 eine Reise nach Paris machte, um dem Feste der Wiederherstellung desFriedens mit Deutschland am 14. Iul. beizuwohnen. Hier sah er die Musterungder damaligen Consulargarden und anderer Truppen durch Bonaparte, der dabeiim Consularcostum erschien; er sah die Spuren der Revolution und der Höllen-maschine, sowie den merkwürdigen Übergang zu der Macht des Imperativs-Nach einem vierzehntagigen Ausenthalte, welchen er eifrig benutzt hatte, dasMerkwürdigste zu sehen, kehrte er über Neufchatel, Bern und Heidelberg nachSachsen zurück. Er nahm 1805 als Freiwilliger Dienste, und ward im Haupt-quartier angestellt, als die sächsischen Truppen an die Grenze rückten; im unglück-lichen Feldzuge von 1806 war er Adjutant des commandirenden sächsischen Ge-nerals von Zezschwitz und wohnte der Schlacht von Jena bei. Es ward ihm das