Oberlin
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Aufruf, worin er sie über die Pflichten und Gesinnungen echter Republikaner be-lehrte. Sein patriotischer Eifer ging so weit, daß er wahrend einer Reihe vonJahren, trotz seinen beschrankten Mitteln, alle Assignaten aufkaufte, die im Stein-thal in Umlauf kamen, weil er besorgte, daß durch deren Entwerthung ein Fluchauf Frankreich gebracht und das Vertrauen des Volkes zu der Regierung erschüttertwerden müßte; ein Opfer, das freilich für die dauernde Begründung seiner An-stalten wohlthatiger hätte wirken können. Um 1794 machte er bekannt, daß erZöglinge bei sich aufnehmen wollte, und es wurden ihm die Kinder mehrer ange-sehenen Auslander anvertraut. Seine Einkünfte stiegen, und er sah sich in Standgesetzt, wieder thatiger für seine Schöpfungen zu sorgen. Seine Schulen standen inso gutem Rufe, daß aus entfernten Gegenden Madchen aus den mittlem Standenin das Steinthal geschickt wurden, und eine Schülerin des Pfarrers O. gewesenzu sein, galt für die beste Empfehlung. Als die Kirchen wieder geöffnet wurden, er-klärte er seiner Gemeinde, daß er fortan ohne feste Besoldung sein Amt verwaltenwollte. Jeder möchte, sagte er, darbringen so viel ihm beliebte, und auf seinenVorschlag ward auf gleiche Weise für die Schullehrer gesorgt und zu wohlthatigenZwecken beigesteuert. Er hielt genaue Rechnung über alle Ausgaben und war nieJemand einen Sous schuldig. Hütet euch vor Schulden, pflegte er zu sagen, wievor dem Teufel. Nach seinem Beispiele legten seine Pfarrkinder wöchentlich einenTheil ihrer Einnahme zu milden Gaben zurück, und waren immer im Stande,seine wohlthatigen Absichten zu unterstützen. Als einst ein weit besseres Pfarramtihm angeboten wurde, schlug er es aus. „Nein", sagte er, „ich habe in 10 Jah-ren jedes Glied meines Kirchspiels kennen gelernt und bin mit ihren sittlichen, gei-stigen und hauslichen Bedürfnissen vertraut geworden; ich habe einen Plan ge-macht, und brauche 10 Jahre ihn auszuführen, dann noch 10 Jahre seine Fehlerund Mangel zu verbessern." Die Bevölkerung des Steinthals stieg unter seinerväterlichen Pflege von 100 Familien auf 3000 Seelen, und Ackerbau und Land-wirthschaft konnten den Bewohnern nicht mehr hinlängliche Beschäftigung geben.Ein ehemaliger Offizier führte mit gutem Erfolg das Strohflechten unter ihnen ein,und O. ermunterte sie zur Baumwollenspinnerei, ein Zweig der Betriebsamkeit,der bald reiche Früchte trug. Dann wurden Webereien eingeführt, die auch ge-diehen, bis in einigen benachbarten Dörfern Maschinen aufkamen, welche Spin-ner und Weber in große Bedrängniß brachten. Legrand von Basel, vormals Mit-glied des schweizerischen Direktoriums, verlegte 1813, als die Noth am höchstenwar, seine Bandmanusactur vom Oberrhein in das Steinthal, und da er die We-bestühle in die Häuser vertheilte, wo die Kinder bei ihren Altern blieben, so hattediese Anstalt keine nachtheiligen Folgen für den sittlichen Zustand. O. erhielt aufden Vorschlag des Ministers des Innern von Ludwig XVIII. den Orden der Ehren-legion und von der Ackerbaugesellschaft zu Paris eine goldene Denkmünze. „WollenSie in einem Beispiel sehen", sagte Francis de Neufchateau, als er diesen Ehren-preis in Antrag brachte, „was für Ackerbau und das Wohl der Menschheit gewirktwerden kann, Freunde des Pflugs und menschlicher Glückseligkeit, so steigen Siezu den Vogesen hinan und blicken in das Steinthal." Der ehrwürdige Greisfühlte spät die Gebrechlichkeit des Alters; seine Kräfte schwanden, und er verließsein Haus nur bei dringenden Veranlassungen, aber seine Gestalt war nicht ge-beugt und keiner seiner Sinne geschwächt. Er widmete nun schriftstellerischen Ar-beiten mehr Zeit als in den Jahren seiner rüstigen Kraft, und eine seiner letz,ten war eine freundlichere und tröstendere Schilderung des Alters, als Cicerogegeben hat. Am Ende des Mais 1826 ward er von heftigen Ohnmächten befallenund starb am 1. Jun. Aus der Umgegend und den benachbarten Departementsströmten Menschen aus allen Ständen herbei, ihn zu seiner Ruhestätte zu begleiten.Selten halte man im Elsaß eine so hehre Todtenfeier gesehen. Der älteste Bewohner