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Ni'tzsch (Karl Ludwig)
Schröckh und Schmid, dem eifrigen Gegner Semler's, mehr philologische alsdogmatische Theologie und schrieb 1775 des Baccalaureats wegen die in Pott's8)1I»Le" aufbewahrte „Distorin criticn s^nodi I)nlmaris". Entmuthigt aberdurch den Zustand der Theologie, von Zweifeln gequält, überzeugt, daß die Orthodoxieauch durch Ernesti und Michaelis, die doch selbst verketzert wurden, nicht gehaltenwerden könne, richtete er seine Absicht auf ein Schulamt. Aber auch von den klein-sten Rectoraten, um deren eines er unter wiederholten kraftigen Empfehlungen Erne-stus wirbt, ward ihm keines zu Theil. So nöthigle ihn das Bedürfnis, Hauslehrerzu werden. Nachdem er sich von Wittenberg, von Schröckh insonderheit durch dieDisputation: „llistoria providentinm divinum c^imndo et cpiam clure loyiiutur",ehrenvoll verabschiedet hatte, trat er als Erzieher beim Kammerherrn von Boden-Hausen auf Brandis bei Leipzig ein. Dieser wählte ihn 1781 zum Pfarrer inBeucha; Gelehrsamkeit, Amtstreue und Predigtweise, nicht ohne Zollikofer's per-sönlichen Einfluß gebildet, verschaffte ihm Ruf, sodaß er 1785 Superintendent inBorna, 1787 Stiftssuperintendent und Eonsistorialis zu Zeitz, 1790 General-superintendent und Professor zu Wittenberg wurde. Bis zur Bekanntschaft mitKant's Schriften nahm er Theologie und Predigtamt in Spalding's und Zolliko-fer's Sinne; von da an ging ihm die Idee einer neuen Theologie auf. Die Selb-ständigkeit des sittlichen Bewußtseins und der durch dasselbe vermittelten Reli-gionsidee, die Befreiung des Glaubens vom metaphysischen Wissen, die Anerken-nung des radikalen Bösen und der Notwendigkeit eines ethischen Gemeinwesens,endlich die praktisch-ideelle Auffassung aller supranaturalistischcn Vorstellungen er-schienen ihn wie hinreichende Elemente derselben. Da die Leistungen der Kanl'-schen Schule ihm nicht genügten, so ging er, soweit es ihm, der sich in Professur,Predigtamt und vielfache Verwaltungsgeschaste theilen mußte, möglich war, selbstans Werk, und 40 Jahre lang ist es, wie sehr ihm auch die Gereiztheit andersden-kender Collegen und Freunde, insonderheit Schröckh's und Reinhard's, oder dieamtlich angedrohte Ungnade des Kurfürsten, oder die Ungunst der Recensiranstal-ten entgegen waren, sein unablässiges Bestreben geblieben, durch Unterscheidungder Offenbarung von der Religion, der geschichtlichen, äußern Einführung derWahrheit von der Wahrheit selbst, die Apologie des Christenthums zu begründen,die endursachliche Vollkommenheit aller positiven Thatsachen und Lehren desselbendarzuthun, und dadurch theils die Theologie vom Buchstabenglauben zu befreien,theils den eudämonistischen und naturalistischen Neigungen der Zeit entgegen dieMysterien zu bleibendem und wirksamem Ansehen zu bringen. Sein darauf gerich-tetes schriftstellerisches Wirken läßt sich in drei Perioden theilen. In der ersten,1790 bis zum Jubiläum der Universität 1802, zeigt er die Unerläßlichkeit der ihmsich aufdringenden Unterscheidung an einzelnen Problemen, die nur dadurch gelöstwerden können, besonders an den Verhältnissen zwischen Altem und Neuem Testa-ment, Gesetz und Evangelium: „De sndicnndi8 mormn ^rueceptis in N. D. uc^mmuni ommnm Iiomimim uc temporum USII nlienis", elfProgramme, 1791 —1802, deren reicher Inhalt von den Ethikern noch nicht genug verarbeitet wordenist; „De consilio, cpio Ohristus mortem oj>j>etiit, snmmo"; „Huuntnm (Rri-stus tritmerit mirnculis"; „De peccuto Iiomini cm endo cpwMHuuw in üomi-»em non cadente"; „De discrimine leAisIution's et mstitutionis divinue" sinPott's „8)1IoAe"); „De ^ntinomismo do. ^Aricolue"; „Neuer Versuch überdie Ungültigkeit des mosaischen Gesetzes und den Rcchtsgrund der Eheverbote"(Wittenberg 1800). Die lateinischen Schriften hat er verbessert und nebst eini-gen spatern unter der Aufschrist: „De discrimine revelutionis imperotoriue et di-ditcticue" (2 Bde., Wittenderg 1880), wieder herausgegeben. In der zweitenPeriode, von 1802 bis zum Schlüsse der Universität 1813, bearbeitete er dieTheorie der Offenbarung selbst, wies den biblischen Grund des Begriffs einer äu-