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Dritter Band (1833) M bis R
Entstehung
Seite
286
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286 Nitzsch (Karl Ludwig)

Die Juliusrevolution gab der Politik Rußlands eine neue RichtungDer Kaiser empfing die Nachricht von diesen Ereignissen als er eben auslen zurückgekehrt war, wo er den ersten Jahrestag seiner Krönung gestimund den kurzen Reichstag geschlossen hatte. Schon im Aug. ward eine Recru-renaushebung verordnet und die Ereignisse in Belgien schienen die kriegerischeStimmung der Negierung zu erhöhen. Der Kaiser hatte zwar endlich im Sept,den König der Franzosen anerkannt, aber die gerüsteten Heere schienen nur dasZeichen zum Kampf zu erwarten, als der Ausbruch des Aufstandes in Polenalle politischen Berechnungen störte. Mit diesen Ereignissen trafen unruhige Be-wegungen in Petersburg zusammen, die zwar bald durch strenge Maßregeln un-rerdrückt wurden, wobei sich aber aus der angestellten Untersuchung ergab, dasManner aus den höhern Ständen zu der Aufregung mitgewirkt hatten. Am8. Dcc, als die Zeitungen die erste Kunde von dem Aufstande in Warschau gaben,erschien der Kaiser auf der Wachparade und sprach zu den Soldaten, die ihm denSchwur der Treue erneuerten und das Gelübde thaten, ihr Leben ihm zu weihenViele Stimmen riefen: Rache! Rache! und der Kaiser antwortete:EuerWunsch soll erfüllt werden; ich selbst will Euch gegen die Rebellen führen." AmDec. erschien des Kaisers Aufruf an die Russen, worin er von derschandli-chen Verrätherei", welchedas polnische Volk, das nach so vielen UnglücksfällenFrieden und Wohlstand unter dem Schutze der russischen Macht genossen, vonNeuem in den Abgrund des Aufruhrs und der Drangsale gestürzt habe", mit stren-gen Worten spricht, und am Schlüsse sagt:Russen, das Beispiel Eures Kaiserswird Euer Betragen leiten; Gerechtigkeit ohne Rache, Unerschrockenheit im Kampfefür die Ehre und das Wohl des Reiches, ohne Haß gegen Eure getauschten Gegner,Liebe und Achtung gegen diejenigen unserer polnischen Unterthanen, die ihrem unsgeleisteten Eide treu bleiben; Wohlwollen und Versöhnlichkeit gegen Alle, die zuihrer Pflicht zurückkehren." Als der heldenmüthige Kampf des polnischen Vol-kes gegen Rußlands überlegene Macht, den die Erbitterung der Streitenden aufdas Höchste steigerte, in Warschau unglücklich geendigt hatte, betrachtete der Kai-ser das von seinem Vorganger den Polen gegebene, von ihm selbst nach seinerThronbesteigung beschworene Grundgesetz als aufgehoben, und führte neue Ver-waltungsformen ein, welche von der frühern, auf das Repräsentativsystem ge-gründeten Verfassung nichts übrig ließen. (S. Polen) In Beziehung auf dieverwickelten europaischen Angelegenheiten verfolgte der Kaiser, besonders seit derUnterwerfung Polens, consequent das System der russischen Politik, das er auch beider Wendung, welche die Zwistigkeiten zwischen der Pforte und dem Vicekönig vonÄgypten nahmen, fest im Auge behielt. (S. rkei.)

Nitzsch (Karl Ludwig), geboren am 6. Aug, 175t, gestorben am 5. Dcc.1831 als Generalsuperintendent, Professor der Theologie, erster Director desPredigerseminars zu Wittenberg, hat in Schriften und Schülern eine Theorieder christlichen Offenbarung hinterlassen, die zwar von Grundsätzen der kritischenPhilosophie ausgeht, aber sich ebenso sehr von Allem, was sonst Kant'sche Theolo-gen geleistet und erstrebt haben, und von dem gewöhnlichen Typus des Rationalis-mus unterscheidet als darauf Anspruch macht, den am meisten durchdachten undfolgerichtigsten der neuern Zeit beigezählt zu werden. Sohn eines wittenbergischenGeistlichen, Wilhelm Ludwig N., der als Schriftsteller nur ein Liederbuch-lein:Teppiche Salomo's zc." (1740), hinterlassen, ward er, im sechsten Lebens-jahre verwaist, durch die Vorsorge eines Grafen von Hohenthal der Fürstenschulezu Meißen übergeben, wo er sich eine Grundlage humanistischer Bildung und diereine, klare Latilsität erwarb, durch die ihm Ernesti's Gunst und Reiz's Achtungin spätem Zeiten in hohem Grade zu Theil werden sollte. Er begann 1770 zuWittenberg das theologische Studium, trieb in Gemeinschaft mit Reinhard unter

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