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202 Mysticismus und Pietismus der neuesten Zeit
dingungen sie zu verstehen ist. Denn den Vorwurf des Mysticismus und Pietis-mus kann man von den verschiedensten Standpunkten aus laut werden hören, woer dann, bei unverändert gebliebenem Namen, einen gleichwol immer verändertenSinn und Bezug hat. So wird auf der einen Seite der Philosophie selbst Schuldgegeben, daß sie Mysticismus sei, wenn nämlich der flache populaire Verstand ihrAnkläger wird, der seine empirische Durchsichtigkeit im Reich der Spekulationnicht wiederfindet und daher das von ihm Unverstandene als UnVerständlichkeit,als Mysticismus ausschreit. In dieser heutzutage sehr gangbaren Weise bedeu-tet der Mysticismus gewissermaßen etwas Positives, denn die Philosophie, als dieUridee der Wissenschaften selbst, kann nie einer ihr auferlegten Negation preisge-geben werden, sondern sie verneint vielmehr durch das Wesen ihrer Dialektik jedeNegation wieder und erhebt sie so zu etwas Positivem. Dann tritt aber auch diePhilosophie selbst wieder als Anklägerin des Mysticismus und Pietismus auf, in-dem sie die in Religion und Wissenschaft vorherrschende bloße Gefühlsrichtung undden verschwimmenden, supranaturalistischen Inhalt derselben damit als etwasNegatives bezeichnet. Doch auch der Pietismus erhebt sich zur Polemik, indem ersich nicht blos gegen den Rationalismus wendet, den er als unchristlich bekämpfenwill, sondern auch gegen die Philosophie der Zeit oder den Idealismus, den er alspantheistisch verdammt. Hier hat jedoch in dem Parteistreit des Tages der Pietis-mus mit seinem ärgsten Feind, dem Rationalismus, etwas gemein, denn auch derRationalismus kehrt sich gegen den Idealismus und dessen sogenannte pantheistischeRichtung, jedoch keineswegs zu Gunsten des Pietismus selbst, sondern er machtes vielmehr der Jdentitätsphilosophie eben zum Vorwurf, daß sie es fei, welchedurch ihre Lehre den Mysticismus und Pietismus der Zeit erzeuge und begünstige,wie z. B. Bretschneider in der bekannten Abhandlung: „Über den Hang zum My-sticismus in unserer Zeit" sin Pölitz's „Jahrbüchern der Geschichte", 1829)ausdrücklich gethan hat.
Von der Verwirrungstheorie dieser Meinungskämpfe liefern vornehmlich dieberüchtigten hallischen Streitigkeiten einen praktischen Beleg, welche seit 1829 ei-gentlich den Hauptanstoß zu der öffentlich und immer feindseliger gegeneinanderhervorgetretenen Polemik dieser Parteien auf dem Felde der Theologie und Philo-sophie gegeben haben. In Halle, dessen Universität nicht nur unter der Mitwir-kung Spener's, auf welchen ohne Zweifel der heutige Pietismus als auf seine ur-sprünglichen und reinen Ansänge geschichtlich zurückzuführen ist, hervorging, son-dern wo auch der ebenfalls dieser Richtung ungehörige Franke lebte und wirkte,haben sich seitdem, merkwürdig genug, die pietistischenRegungen gewissermaßen hei-matlich forterhalten, und so trat diese Stadt auch in den letzten Jahren als einHauptsitz der deutschen Frömmelei und des Conventikelunwesens auf. Sie nährtein der Stille pietistische und separatistische Vereine, die auch unter dem gemeinenMann ausgebreitet wurden und sich allmälig zu einer Partei entwickelten, die,durch Verbindungen verstärkt, sich immer weiter auszudehnen anfing und unterdem Volk besonders durch unentgeltliche Vertheilung von Tractätchen und An-dachtsschriften, welche fromme Reisende durch das ganze Land mit sich zu führenund auszustreuen pflegen, zu wirken suchte. Als Träger und Stimmführer dieserPartei bezeichneten sich Tholuck, von Gerlach, Valenti (besonders als Befördererdes pietistischen Separatismus unter der Volksclasse genannt), Schmieder undAndere. Zu gleichen Zwecken hatten sich ihnen in wohlberechneter Allianz Heng-stenberg (s. d.) und die Mitarbeiter der von demselben redigirten „EvangelischenKirchenzeitung" angeschlossen, welche in Berlin als die sich geltend machende Par-tei des Pietismus ebenso die dort herrschende Hegel'sche Philosophie in polemischerStellung sich gegenüber hatten, als die verwandten Parteigänger in Halle den da-selbst muthig und vor großer Zuhörerschaft lehrenden Rationalismus der Proses-
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