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Dritter Band (1833) M bis R
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203
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9Rysticismus und Pietismus der neuesten Zeit 203

soren Wegscheider und Gesenius. Beide Gegnerclassen mußten dem Pietismus,der es langst darauf abgesehen, sich durch einen schlagenden Ausfall mächtig zu be-weisen, fast gleich verhaßt sein; aber es war auf jeden Fall gefahrlicher und ge-wagter, zuerst die berliner Philosophie anzugreifen, welche durch vorweggenom-mene Gunst der Behörden gewissermaßen eine ofsicielle im preußischen Sraat zwwerden schien, als den hallischen Rationalismus selbst. Gegen diesen also richtetesich dieEvangelische Kicchenzeitung" in einer von Gerlach und Hengstenberg er-hobenen öffentlichen Anklage, die sich nicht begnügte, durch Auszüge aus Colle-gienheften der Studirenden, welche den Vortragen von Wegscheider und Geseniusnachgeschrieben waren, darzuthun, daß die Lehre derselben die Religion und heiligeSchrift gefährde und untergrabe, sondern auch zu gleicher Zeit darauf drang, durchEinschreiten der Staatsbehörde rationalistische Theologen zur Verantwortung zuziehen und ihres Lehramtes zu entsetzen. Dieser kecke Schritt, welcher jedoch inseinen Erfolgen dem Pietismus mehr geschadet als genützt hat, veranlaßt? daraufeine Flut von Streitschriften für und wider die angeregte Sache, in welchem diedurch das ganze Labyrinth dieser Fehde als die Werkmeister sich hindurchziehendenBegriffe des Mysticismus, Pietismus, Fanatismus, Rationalismus und Idea-lismus sich gegeneinander aufboten und hinlänglich Gelegenheit hatten, sich in derihnen inwohnenden Dialektik nach allen Richtungen hin zu entwickeln. Von derhierauf bezüglichen polemischen Literatur nennen wir nur dieUrkunden, betref-fend die neuesten Ereignisse in der Kirche und auf dem Gebiete der Theologie, zu-nächst in Halle und Berlin" (Leipzig 1830), und die beidenSendschreiben an ei-nen Staatsmann über die Frage: ob evangelische Regierungen gegen den Ratio-nalismus einzuschreiten haben", von Bretschneider (Leipzig 1830). Dieser griffin die Streitfrage ohne Zweifel durch die sehr verständige und ruhige Auseinander-setzung ein, daß man die Sache auf dem Boden der Wissenschaft beharren und imGebiete derselben sich durchkämpfen lassen solle, ohne die Staatsgewalt dabei zueinem Einschreiten zu veranlassen, das, der Idee nach ihr kaum zustehend, auchnicht anders als gefährlich und zweideutig wirken werde. Indem er selbst aber na-türlicherweise auch als Gegner des Pietismus auftrat und dem für das philoso-phische Bedürfniß der Zeit seiner Meinung nach unentbehrlichen Rationalismusdas Wort redete, begegnete es ihm, daß er den Rationalismus im Sinne der Phi-losophie überhaupt geltend machte und mit derselben als identisch erscheinen ließ.Der Rationalismus ist jedoch ebenso wenig die Philosophie selbst oder die schonvollendete Verwirklichung einer speculativen Theologie, als auf der andern Seitedem Pietismus die unverfälschte Wahrheit der Religionsidee innewohnt. Wiedem im Glauben und Ahnen sich befriedigenden Pietismus die auf das absoluteWissen dringende spekulative Theologie, welche der Idealismus der neuesten Phi-losophie erzeugt hat, polemisch gegenüber tritt, so wird auch der Rationalismus,der eigentlich gar keiner bestimmten zeitgemäßen Philosophie angehört, sondern nurin die einseitige Kategorie des reflectirenden Verstandes fällt, durch das Wesen derspeculativen Philosophie verneint und ausgeschlossen und ihm von diesem Stand-punkt ebenso wenig eine wirklich philosophische Dogmatik zugestanden, als demPietismus eine wahrhaft christliche Frömmigkeit. Dagegen ist auch wieder derPietismus, um in der Charakteristik dieser höchst dehnbaren und fast Alles in sichaufnehmenden Begriffe weiterzugehen, keineswegs in all seinen Erscheinungen dieseunspeculative und unwahre Richtung, als welche er dem Rationalismus und auchdem Idealismus von ihren verschiedenen Standpunkten aus gleicherweise gilt.Wir denken dann natürlich nicht an die Hengstenberg'sche Kirchenzeitung, aber derSteffens'schen Religionsansicht z. B., die auch Pietismus genannt wird, dürftedas spekulative und philosophische Element unmöglich abzuleugnen sein. Betrach-tenswerth ist von einer andern Seite wieder die Bedeutung, welche der evangelische

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