Druckschrift 
Dritter Band (1833) M bis R
Entstehung
Seite
184
Einzelbild herunterladen
 

184 Mulgrave

borough, den seine Familie seit langer Zeit repräsentirt hatte, in das Haus derGemeinen. Seine E»stlingsrede für die katholische Emancipation (1819) erregtegroße Aufmerksamkeit. Oer Zwiespalt, worin seine politischen Ansichten mit denMeinungen seiner Angehörigen und namentlich seines Vaters standen, veranlaßteihn jedoch bald, aus dem öffentlichen Leben zu treten, und er ging nach Italien,wo er zwei Jahre meist in Florenz lebte. Nach seiner Rückkehr schrieb er eineFlugschrift für die Parlamentsreform, worin er die Widersprüche des Wahlsy-stems aufdeckte. Er kam 1822 wieder für einen Wahlflecken in das Parlament,unterstützte kraftig den ersten Antrag des Lords John Rüssel (s. d ) auf Parla-mentsreform, und verfocht einen Antrag gegen die Sinecurcnde, der zum TheilErfolg hatte. Nach Canning's Tode erregte er neue Aufmerksamkeit durch seinenAntrag auf die Untersuchung der geheimen Umstände, die bei der Bildung des Mi-nisteriums wirksam gewesen waren, das auf die Verwaltung jenes Staatsmannesfolgte. Die Krankheit seines Vaters hielt ihn ab, seinen Sitz im Parlament wie-der einzunehmen, und er hatte daher keinen Antheil an den ersten Verhandlungenüber die Reformbill im Hause der Gemeinen; als er aber nach seines Vaters Todein das Oberhaus gekommen war, verfocht er diese Angelegenheit seinen altenGrundsätzen treu. Er wurde bald nachher zum Gouverneur von Jamaica ernannt.Als feingebildetcr Weltmann bei seiner Ankunft auf der Insel persönlich beliebt,wurde er doch von den Eigenthümern der Pflanzungen mit Argwohn betrachtet, daman ihn, als einen erklärten Anhänger liberaler Grundsätze, für einen Gegner derSklaverei halten mußte und Verwaltungsvorschriften bei ihm voraussetzte, die demherrschenden, von dem Eigennutz der Coloniften hartnäckig verfochtenen Systementgegen wären. Es trat alsbald eine Spannung zwischen ihm und der gesetzge-benden Versammlung (IIou5e vi assemb!/) ein, welche aus 20 30 Colonistenbesteht. Die Antwort auf seine erste Anrede an das Colonialparlament veranlaßteihn, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Der widerspenstige Geist zeigtesich seitdem in allen Formen. Die Versammlung weigerte sich unter verschiedenenVorwänden, irgend eine der, von der britischen Regierung zur Verbesserung des Au-standes der Sklaven empfohlenen Maßregeln in Erwägung zu ziehen. Sie be-hauptete den Grundsatz, den Lord M. in seiner Antwort so kräftig abwies, daß siein der Gesetzgebung für die Colonien von der Regierung des Mutterlandes ganzunabhängig sei, und schien als vollziehende Gewalt, dem Mutterlande trotzend, nichtals Glied der verfassungsmäßig getheilten gesetzgebenden Gewalt handeln zu wollen.Bei diesem Zwiespalt gab eine Mishelligkeit zwischen dem Staatsrath und der Ver-sammlung über einen Antrag von untergeordneter Bedeutung dem Gouverneurdie nächste Veranlassung, dasHaus am 14. Ott. 1832 aufzulösen. Die Spannungdauert fort und scheint nur durch den Erfolg der eben jetzt im britischen Parlamenteröffneten Verhandlungen über die Freilassung der Negersklaven ihre Lösung erhal-ten zu können. Ehe Lord M. als Staatsmann hervortrat, hatte er den NamenNormanby in der Geschichte der neuesten englischen Literatur durch seine geistrei-chen Romane, die zu den besten unter den sogenannten '4nles ot iaskionable lilegehören, bekannt gemacht. Man hat ihn treffend den Froissart des Modelebensgenannt. Er schreibt, was er genau kennt, und schildert glücklich das Gesehene.Seine Romane sind Gemälde wirklicher Scenen, wahre Bilder aus dem Leben,und werden in spätem Zeiten als eine glaubwürdige Geschichte der Nationalsittengelesen werden. In treuer Auffassung des Lächerlichen, in glücklichem Witze, hatM. kaum seines Gleichen unter den neuen englischen Schriftstellern. ,MatiI<ia"(London 1825) fand schon ausgezeichneten Beifall, aber eine höhere Stufe erreichteder zweite RomanVes and No" (2 Bde., London 1828), der neben Bulwer's?e!tiÄin" das treueste Bild des Lebens der höhern Classen in England darbietet,undlüe contrast" (3 Bde., London 1832) vereinigt die Vorzüge reiferer Beob-achtung und festerer Charakterzeichnung in einer anziehenden Geschichte.