Mezzofanti 199
20 Jahren nur wenig schwacher geworden. Von dieser Zeit an beschrankte er seineamtliche Thätigkeit fast ganz auf die innern Angelegenheiten seines Cantons undwurde dennoch von dem großen Rache 1829 in den Staatsrat!) gewählt. Nachder politischen Veränderung 1880 besuchte M. an der Spitze der Gesandtschaft sei-nes Cantons die Tagsatzung, die im Dec. in Bern sich versammelte und im Mai1831 in Luzern sich endigte. Ein volles Vierteljahr vertrat er in jener bewegtenZeit dort allein den Stand Zürich und wurde mittlerweile bei der neuen Organisa-tion zum Regierungs- und Staatsrache gewählt. Neben verschiedenen kleinernSchriften und zerstreuten Aufsätzen, die in dec „Isis", den „Aüricherschen Beiträ-gen" und in andern Zeitschriften zerstreut sind, mögen hier seine Artikel in die „En-cyklopadie" von Ersch und Gruber, die 1822 erschienene „Geistesreligion und Sin-nenglaube im 19. Jahrhundert, nebst einem Anhang über die Vereinigung derchristlichen Bekenntnisse" (2 Bde., Zürich 1826—29) und vorzüglich sein „Hand-buch derGeschichte der schweizerischenEidgenossenschaft" (2 Bde.,Zürich 18Ä—29)erwähnt werden, welchem auch das deutsche Publicum Aufmerksamkeit schenkte. Esist bis jetzt das einzige Werk, das eine zusammenhangende unparteiische Darstellungder Schweizergeschichte von 1789 bis in die zunächst verflossenen Zeiten liefert, undgibt eine vollständige aber gedrängte Darstellung aller bemerkenswerthen Ereignisseder frühern Zeiten. Der Geist und Charakter des Mannes, von dem wir sprechen,sind aus den angeführten Werken zu erkennen. Seiner politischen Gesinnungnach gehört er zu der gemäßigten, aber echt liberalen Partei; er hält die politischeFreiheit für ein hohes Gut, aber noch weit höher steht ihm die geistige, ohne welchejene todt ist. „Wer wollte nicht lieber unter Katharina und dem großen Friedrichsein Leben zubringen", schreibt er an einen Vertrauten, „als in Wallis oder Unter-walden? Dort wachte der menschliche Geist auf, hier erstirbt er." Er ist entschie-den für das Aufhören aller Vorrechte in der Schweiz, für die Wegräumung allesDessen, was öie Cantone einander fremd macht; aber er halt Einheit oder zugroße Centralisation für gefährlich. Er fühlt den ganzen Werth des echten republi-kanischen Sinnes, der — wie er sagt — nur wenigen Menschen angeboren sei,sondern sorgfaltig gepflegt und ausgebildet werden müsse, wenn, die zarte Pflanzenicht in der kalten Selbstsucht der Aristokratie erstarren, oder von dem Gewühleder Demagogie und ihres Trosses zertreten werden solle. Er ist einer der erleuchte-sten Staatsmanner Zürichs, und einer der redlichsten Eidgenossen der Schweiz,dessen Name in der Geschichte neben denen eines Pestalozzi, Lavater, Usteri undEscher von der Linth, seiner Mitbürger und Zeitgenossen, glänzen wird. (29)
Mezzofanti, Custos der vaticanischen Bibliothek, gehört zu den gekann-testen Gelehrtennamen des neuern Italiens und doch hat es nicht gelingen wollen,über ihn genauere Nachrichten aufzufinden. Durch eine Notiz des Herrn v. Zach inseiner „0arre5ponstanLe u5tron0inic;ue" (1820), wurde er als ein Mithridates un-serer Tage angepriesen, der 32 Sprachen nicht allein verstehe, sondern auch spreche;und zwar nicht etwa blos die des römischen Sprachstammes,fondern selbst Walachischund die Sprache der Zigeuner. Das Wunder, zu dem ihn die Italiens gradezurechnen, schien dadurch größer zu werden, daß er Bologna, seine Vaterstadt, nieverließ, und alle diese Kenntnisse gleichsam nur gelegentlich von den verschiedenenBesatzungen Bolognas sich aneignete. Indessen ist durch spätere Reisende, wiedurch Blume im „Ner italicum", das Wunderhafte dieser Angabe sehr ermaßigtworden, indem man auf den großen Unterschied zwischen oberflächlicher Sprach-fertigkeit und Sprachkenntniß aufmerksam machte. M., als Bibliothekar nichtgleichmäßig gepriesen, wurde in die Bewegungen verwickelt, welche die BesetzungAnconas durch französische Truppen 1831 herbeiführte. Er gehörte zu der Depu-tation, die sich nach Rom begab, bei dem Papste Vorstellungen zu thun, wurde dortzum Monsignore befördert, büßte aber die Aufregung durch eine Krankheit, von