86 Meteorologie
wo der Regen zu den größten Seltenheiten gehört, mußte keine Naturerscheinungso auffallend sein, als die jahrlich zu bestimmten Zeiten wiederkehrende Überschwem-mung des Nils und diese finden wir daher auch vorherrschend durch den ganzenSagenkreis des Ostris, wahrend Typhon das Symbol des heißen Windes derWüste (Chamsin, Samum) war. Entfernen wir uns nach der entgegengesetztenSeite des Mittelmeers, so finden wir hier eine größere Mannichfaltigkeit vonErscheinungen, einen häufigen Kampf der Elemente und zugleich Vielgötterei.Da wo wir im Stande sind, die ursprünglichen Religionsideen zu erkennen, fin-den wir in der Götterlehre stets die wichtigsten Naturerscheinungen der Gegend,nur sind die Ansichten des Volkes je nach der Empfänglichkeit des Geistes und sei-nen Sitten mehr oder weniger geläutert. Es würde die Verfolgung dieses Gegen-standes hier zu weit führen, aber es sei erlaubt, Denjenigen, welcher sich fürdiese Untersuchung interessirt, auf eine Vergleichung zwischen dem Zeus der Grie-chen und dem Gott Kutka der Kamtschadalen (nach Steller's Berichten), sowie aufviele Stellen im Osst'an aufmerksam zu machen. Griechen und Römer bemühtensich zuerst die Meteorologie wissenschaftlich zu bearbeiten und Gründe fürden Wech-sel der Erscheinungen anzugeben. Julius Ludwig Jdeler hat die wichtigsten dieserUntersuchungen in seiner ,Meteorologie veteruin (^reecorum et koweriorum"(Berlin 1832) zusammengestellt. Wir finden manche scharfsinnige Bemerkungen,manche wichtige Beobachtungen bei ihnen, aber bedeutend konnten sie nie werden.Theils fehlte es ihnen an meteorologischen Instrumenten, theils führten sie keineregelmäßigen Tagebücher und der ganze Zustand der Experimentalphysik war inseiner Kindheit. Dazu kommt, daß der Raum, über welchen sich ihre Erfahrun-gen erstreckten, sehr klein war, sie kannten nur die wichtigsten klimatologischen Er-scheinungen des Mittelmeers und wenn sie daher in andern Gegenden Abwei-chungen fanden, so waren sie davon in hohem Grade überrascht. Daher dieschrecklichen Schilderungen vom Klima Frankreichs und Deutschlands bei den Al-ten. Nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften wurden die Bemerkungen derGriechen und Römer hervorgesucht und auf Deutschland und Frankreich angewen-det; viett derselben paßten nicht für das Klima dieser Gegenden, große Unsicher-heit und Verwirrung waren eine Folge davon. Diese wurde noch durch die ver-kehrte Richtung der meisten Gelehrten vergrößert; sie machten die Meteorologiezu der Lehre von der Voraussagung des Wetters, und vergaßen, daß man erst dieGesetze der vorhergehenden Erscheinungen untersuchen müsse, ehe man es versuchendürfe, die Folge künstiger Phänomene zu bestimmen. Diese Sucht, die Zukunftzu erkennen, ist auch jetzt noch nicht verschwunden und Dittmar und Genossenmachen den Leuten noch von Zeit zu Zeit unnöthige Freude oder Furcht. Eine wich-tige Epoche in der Geschichte der Wissenschast bildet die Erfindung des Barometersund Thermometers. Diese Instrumente, welche die wichtigsten Erscheinungen inder Atmosphäre kennen lehrten, mußten zu einer tiefern Einsicht in die Natur füh-ren als die Alten erlangen konnten; zugleich machten beide auf die Wichtigkeit ge-nauer Tagebücher aufmerksam. Wie bedeutend der Gewinn der Wissenschast war,davon überzeugt man sich sehr leicht, wenn man die meteorologischen Schriften ausder ersten und zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vergleicht.
Dem raschen Vorschreiten der Wissenschast standen aber, ungeachtet dieserHülfsmittel, mehre bedeutende Hindernisse entgegen. Wir dürfen nie vergessen,daß die Meteorologie nur eine angewandte Physik ist, alle Lehren der Experimen-talphysik werden bei Erklärung der Phänomene vorausgesetzt und erst dann, wenndiese hinreichend begründet ist, lassen sich die atmosphärischen Erscheinungen davonableiten. Sodann herrschte noch immer das Streben zur Voraussagung der Wit-terung zu sehr vor; man wollte aus einzelnen Phänomenen die Gesetze ableiten undden Lauf der Witterung voraussagen, und da dieses nicht möglich war, so wurden