74 Medicin in ihrem neuesten Zustande
Wesen vieler Krankheiten und den wichtigen Entdeckungen der neuern Chemie ver-dankt. Zugleich ist aber auch das Hospitalwesen sehr vervollkommnet worden, unddie meisten Staaten, mit Ausnahme weniger, unter denen leider Sachsen obenansteht, obgleich es inWürtemderg und Baden nachahmungswürdige Vorganger ha?,haben für die Errichtung zweckmäßiger Krankenanstalten sowol zum arztlichen Un-terricht als zur Krankheitsheilung die nöthige Sorge getragen. Es ist nicht zuviel behauptet, wenn hier die Ansicht aufgestellt wird, daß die Kenntniß des Hospi-talwesenö eine eigenthümliche Disciplin geworden ist, der deshalb die stets vorschrei-tende preiswürdige preußische Regierung ein eignes wissenschaftlich praktisches Co-mite in Berlin bestimmt hat. Es ist dieselbe für jeden Arzt, vorzüglich aber fürden Physikatsarzt, unentbehrlich, und gewiß wird man auf deutschen Universi-täten ihr bald eine ebenso große Aufmerksamkeit in theoretischer Hinsicht wid-men, als sie die Verbesserung der Gefangnisse durch I)r. Julius gefunden hat.Sie bildet gewissermaßen einen Theil der meUicin» iorensis. Diese soge-nannte gerichtliche Medicin ist namentlich in Deutschland in den letzten Decennicnmit großem Fleiße, theils durch Ärzte, theils durch Rechtsgelehrte bearbeitet wor-den und hat den wohlthatigften Einfluß auf die Criminalgesetzgebung Deutsch-lands gehabt, und wo dies innerhalb der deutschen Grenzen noch nicht der Fall ge-wesen ist, übt sie wenigstens einen wahrhaft humanen Einfluß auf die Verhand-lungen und Erkenntnisse der Strafrechtspflege. Weniger ist dieses in England undFrankreich der Fall. Leider ist man jedoch über viele wichtige Punkte der merli-cina lorensis noch im Streite begriffen, wohin vorzüglich die Lehre von der Zu-rechnungsfähigkeit gehört.
Wahrend eine große Anzahl ausgezeichneter Manner sich so mit den Forschun-gen der Gegenwart beschäftigt und für das nächste Geschlecht ausgezeichnet sorgt,richtet eine zwar kleine, aber durch Forschungsgeist und Gelehrsamkeil ausge-zeichnete Zahl von Ärzten ihre Blicke auf die Vergangenheit und predigtdurch Wort und Schrift die nicht leer verhallende, sondern hier und dort herrlichwirkende Warnung, die Weisheit unserer Zeit ja nicht für etwas aus sich undaus eigner Machtvollkommenheit Entstandenes, nicht mehr zu Verbesserndes an-zusehen, überhaupt die Geschichte nicht zu vergessen, und so verhindern diese Man-ner, daß das alleinige Studium der Natur nicht in jene, sich hier und dort plumpund keck hervordrängende Beobachtungssucht ausarte.
Diese wichtigen und preiswürdigen Ergebnisse auf dem Gebiete der prakti-schen Medicin sind aber von dem größten Einflüsse auf einzelne Theile derselben ge-wesen, wohin vorzüglich Chirurgie, Geburtshülfe und Augenheilkunde zu zahlensind, sowie auf der andern Seite die großen Fortschritte dieser Disciplinen denwohlthätigsten Einfluß auf die Vervollkommnung der Medicin gehabt haben, undsie sind nicht mehr von dieser zu trennen. Die Chirurgie unserer Tage hat nirgendein gegen die Medicin geschlossenes und vermarktes Gebiet; sie steht überall im le-bendigsten Zusammenhange mit derselben, und es ist durch keine dialektische Kün-stelei eine logisch-richtige Theilung des wissenschaftlichen Gebiets der Medicin undChirurgie, und durch keine policeiliche Verordnung eine gedeihliche Trennung desarztlichen und chirurgischen Geschäfts zu Stande zu bringen. Der Gegensatz derMedicin und Chirurgie ist ein organisch-gebildeter: wie im lebenden Organismuszwei Organe miteinander verbunden sind, jedes für sich lebend und bestehend, und dochnur in dem Andern lebend und durch dieses bestehend, so ist das Verhältniß der Me-dicin und Chirurgie, daher man ebenso gut von einer medicinischen Chirurgie alsvon einer chirurgischen Medicin sprechen kann. Man hat jetzt erkannt, daß dieAusübung der Chirurgie keinem Handwerke zu vergleichen ist, denn der Gegen-stand, mit welchem sie sich beschäftigt, ist der menschliche Körper. Die großen Lei-stungen auf diesem Gebiete des arztlichen Wissens sind vorzüglich folgende: eine