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Dritter Band (1833) M bis R
Entstehung
Seite
72
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72 Medicin in ihrem neuesten Zustande

nern, die berufen sind die Wissenschaft zu pflegen. Denn ist man nicht noch in un-fern Tagen so weit gegangen zu behaupten, unsere Kunst gehöre unter den Schutzder Priester, nur am Altare könne sie gedeihen, nur die Diener desselben könntensie kräftig pflegen und am wirksamsten üben? Und hat man nicht sogar in der neue-sten Zeit eine der wohlthätigsten und größten Entdeckungen unserer Kunst, dieVaccination, die ihren Urheber in den Annalen derselben Unsterblichkeit verschaffthat, als einen kühnen Eingriff in die göttliche Ordnung der Dinge, nicht bloß ver-ketzert, sondern selbst mit der Strenge des Gesetzes verfolgt? Den Schleier übersolche Schattenseiten unsers Jahrhunderts! Aber auch die Mystik hat in unsecnTagen auf dem Gebiete der Heilkunst sich geltend zu machen gesucht, und ist des-halb so verderblich und gefahrlich, weil sie sich in ein wissenschaftliches Gewandhüllt und die vielen Vortheile tresslich zu benutzen weiß, die ihr die Medicin, dieseWissenschaft des Lebens, ihrer Natur nach nicht vorenthalten kann. Besteht näm-lich das Wesen aller Mystik vorzüglich in der absichtlichen Verkennung vom Zu-sammenhange der Ursachen und ihrer Wirkungen, oder in einer absichtlichen Tren-nung derselben, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn dieselbe auf dem Gebieteunserer Wissenschaft um sich zugreifen droht, da auf demselben so häufig die Ur-sachen der Erscheinungen dunkel sind, und da der Arzt nur selten bei den Ergebnis-sen der Gegenwart stehen bleiben kann, sondern, dem Januskopfe vergleichbar, dasVergangene nicht übersehen und das Zukünftige gleichsam im Voraus zu sehensich bemühen muß. Während nun aber der wahre Arzt nicht müde wird, in die-ses Dunkel Licht zu bringen, während er sich abmüht, den Zusammenhang vonUrsache und Wirkung zu erkennen, während er an der Hand des Verstandes undder Erfahrung durch die oft dunkeln Jrrgänge seiner Kunst wandelt, verhält essich Nlit dem Arzte, der seine Wissenschaft auf das Gebiet der Mystik versetzt — demHomöopathen — ganz anders. Diesem ist es nicht darum zu thun, jenen dunkelnAusammenhang von Ursachen und Wirkungen aufzuhellen, er benutzt vielmehrdieses Dunkel dazu, seiner Handlungsweise, die den Ergebnissen der Erfahrung undden hellen Ansichten des Jahrhunderts widerspricht, den Schleier des Geheimniß-vollen überzuwerfen, und so reicht er Mittel in ungewöhnlicher Form, die ihreHeilkräfte nicht ihrem Gehalte, nicht ihrer Mischung, sondern bald der unend-lichen Verdünnung, bald einer langen Friction, bald einem kräftigen Schüttelnverdanken sollen. Mit solchem Arzneischatz ausgestattet, dem er, gleichsam einneuer Prometheus, ein unsichtbares Leben eingehaucht hat, tritt er an das Lagerder Kranken. Hier, als ein Mann der Gegenwart, kämpft er, uneingedenk einesdurchgreifenden Naturgesetzes, nicht gegen die Ursachen des Leidens, nein nur gegendie Erscheinungen desselben und bildet sich so ein Heilgesetz, das ihn aller tiefernForschungen überhebt, und zu dessen Erfüllung er nur die Berichte seiner Sinneanhört und den Ausspruch seines Gedächtnisses zu vernehmen braucht. Indem eraber hierdurch freiwillig auf jenen Genuß verzichtet, den eine tiefere Ergründungder kranken Natur mit sich führt, spricht er sich sein eignes Urtheil, das aus demMunde des wissenschaftlichen Richters um so strenger sein muß, je verwerflicherdie Hülfsmittel sind, deren sich ein solcher Arzt zur Erreichung seiner Zwecke be-dient. Gestehen wir es offen, der Meister und die Schüler dieser Sekte versündi-gen sich an der Wissenschaft, indem sie die Dunkelheiten, die in der Natur dersel-ben liegen, nicht blos nicht zu erhellen suchen, sondern dazu benutzen, eine Ausge-burt ihrer Ansichten zu schmücken; sie versündigen sich an der Natur des mensch-lichen Geistes, weil sie jenen Hang zum Dunkeln und Ubernatürlichen nicht zuläutern oder zu entfernen suchen, sondern weil sie denselben nähren, und nicht we-niger an der leidenden Menschheit, weil sie entweder Das, was lange Erfahrungbestätigte, absichtlich versäumen oder kennen zu lernen verschmähen.

Wer könnte es leugnen, daß sich auf dem Gebiete der Heilkunde in unserer