Druckschrift 
Dritter Band (1833) M bis R
Entstehung
Seite
71
Einzelbild herunterladen
 

Medicin in ihrem neuesten Zustande

71

lk, Wl t

losophische Physiologie dieser Schule vermehrt die große Zahl der Ungläubigen indieser Wissenschast nur noch mehr, und fast ist es so weit gekommen, daß manauch an Dem zweifelt, was die treuen vielerprobten Wächter der Seele, die Sinne,verkünden. Eine Pathologie, die mit philosophischen Machtsprüchen Alles ver-drangt, was nach dem neuen Systeme nicht annehmbar scheint, in welcher Allesmit unerbittlicher Strenge gestrichen wird, was sich nicht mit den Grundsätzender neuen einzig wahren Philosophie vereinigen laßt, gleicht dem formlosen Torso,wahrend sie das schöne Bild eines herrlich erhaltenen Denkmals alter Kunst dar-stellen sollte. Die Geschichte predigt es laut, daß das unbedingte Hinüberführender herrschenden Philosophie auf das Gebiet der Medicin unendliche Streitigkeiten,Verketzerungen ohne Ende verursacht, den wahren Gesichtspunkt verrückt, des Ge-wisse dem Ungewissen, das Bekannte dem Unbekannten, das Alte dem Neuenaufgeopfert hat. Wie es nur zu gewiß ist, daß, je nachdem Aristoteles oder Plato,Ramus oder Descartes, Wolf oder Crusius in den Schulen der Philosophieherrschten, auch das ganze Gebiet der Medicin mit den Lehren derselben über-schwemmt wurde, so verhalt es sich auch mit der in Rede stehenden Parteiunserer Zeit, welche die Medicin durch die Fackel der Philosophie erleuchtenwill, denn ihre arztlichen Theorien und Hypothesen tragen immer das Ge-wand der Tagesphilosophie. Aber anstatt durch jene Fackel erleuchtet zu wer-den, sind jene Ärzte durch das zu grelle Licht derselben leider geblendet; denn siebedenken nicht, daß die wahre Philosophie den Verstand des Arztes zwar durch ge-läuterte Begriffe aufhellen und ihn richtig denken und schließen lehren soll, ihmRegeln angeben muß, wie er Wahrheiten finden und beurtheilen, wie er Irrthü-mer berichtigen soll, denn diese kann, diese darf und muß der Arzt bei medicinifchenUntersuchungen anwenden, wenn er die Wahrheit ohne Vorurtheil sucht; aber sievergessen, daß eine Wissenschaft, wie die Medicin, durch die Philosophie höchstensgeordnet, aber nie geschassen werden kann, sie, die vorzüglich in ihrem so schwerenpraktischen Theile mehr als andere Bestrebungen geistiger Thätigkeit auf Überliefe-rung und allmalig wachsender Erkenntniß beruht, deren Gegenstand nur nach undnach erfahren und erfaßt, nicht aber durch Schlüsse zur genügenden Erkenntniß ge-bracht werden kann. Die Ärzte gehen von der Erfahrung aus, und schließen mitder Erfahrung ab. Was diese unleugbar darthut, ist Wahrheit, die sie annehmen,schätzen, verwahren; was diese verwirft, wird von ihnen wie Spreu auf der Tenneausgeschieden.

Noch nachtheiliger aber als die eben besprochene Verirrung sind zwei andereArten medicimscher Jrrthümer, zwei Äste eines Stammes, der Aberglaube und dieMystik in der Medicin. Kaum sollte man es glauben, daß der Aberglaube in einerZeit auf dem Gebiete der Medicin zu finden sei, wo das Licht der Vernunft Hellerals je strahlt, wo alle Verhältnisse des Lebens, der Sitte, wo die Höhe und Tiefealler Erkenntniß, die Geschichte selbst mit der Fackel derselben erleuchtet werden.Und doch ist dem so. Denn hat sich auch die Zahl der Wunderlhäter, die durch dasMurmeln kurzer Sprüche, durch die Wunderkraft ihrer Amulete, durch das Auf-legen der Hände die Bande der Krankheit lösen und die Gewalt der Schmerzenhemmen zu können vorgibt, vermindert, so ist sie doch keineswegs ganz verschwun-den. Wahrend noch in vielen Ländern, unter dem Schutze des Cultus, die stilleWunderkraft alter Reliquien verehrt und angerufen wird, treten selbst in den Lan-dern, wo der Glaube an jene Wunderkraft verschwunden ist, von Zeit zu Zeit Per-sonen auf, die im Geheimen von der unsichtbaren Hand eines unwürdigen Schü-lers des Äsculap geführt, oder gar öffentlich unter dem Schutze desselben stehend,aller Mittel und Gaukeleien des Aberglaubens sich bedienen, um Wahn und Täu-schung zu verbreiten. Solche traurige Erscheinungen finden sich jedoch nicht blosauf dem praktischen Gebiete der Medicin, wir begegnen denselben auch bei Man-

M'