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Dritter Band (1833) M bis R
Entstehung
Seite
70
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70 j Medicin in ihrem neuesten Zustande

wer wird es leugnen wollen, daß hierdurch aufviele dunkle Regionen unserer Wissen-schaft Helles Licht gefallen ist, ja, daß viele Lehren derselben hierdurch erst Grund undBoden erhalten haben. Aber so großer Nutzen von diesen Forschungen auf demGebiete der Verwesung und in dem Reiche des Todes bereits erwachsen ist, so vieleVortheile noch zu erwarten stehen, so ist es docb nicht zu leugnen, daß jene Arzteeinen großen Fehler begehen, die ihre Krankheitslehre allein auf die pathologischeAnatomie gründen, die nicht einsehen, wie bedenklich es ist, immer von Dem, wasman im Todten findet, auf Das zu schließen, was im Lebenden Krankhaftes stattfand,die vergessen zu haben scheinen, daß gar Vieles, was das Todte uns zeigt, dieWirkung des letzten Kampfes ist, den der Mensch auf Erden kämpft, oder daß esdurch den Einfluß der Verwesung entstanden ist; die es überhaupt nicht wissenwollen, daß die tiefere Untersuchung des Todten zwar zur Erkenntniß des Daseinsund des Sitzes der Krankheit viel beitragt, daß sie aber nicht hinreichend ist, dasWesen oder gar den Charakter derselben in das gehörige Licht zu stellen. Wie vieleTheorien, die auf den Leichenbefund, die auf nichts gegründet sind, als auf Das,was das Todte, was das Erstarrte gelehrt hat, zeigen den Nachtheil, daß sie keineHeiltheorien sind, sondern daß sie blos als naturhistorische Ergebnisse zur Zweifel-sucht an der Heilkunst führen und die Aufmerksamkeit des Arztes zu oft an Das-jenige fesseln, was er nach dem Tode finden wird, und weniger auf Dasjenige rich-ten, was die Kunst, wenn sie nur in ihren Hülfsmitteln nicht übersehen würde,wol zu leisten vermöchte. Noch schädlicher aber als auf dem Gebiete der Medicinwirkt diese Überschätzung des Todten auf andern Gebieten dieser Kunst, nament-lich auf dem der Chirurgie. Während in unfern Tagen die Chirurgie, dieser wich-tige Theil der Medicin, die tiefsten Aufschlüsse über sehr gefährliche und häufigvorkommende Krankheiten gibt, während sie mit sicherer Kühnheit nicht seltenselbst dann noch Hülfe gewährt, wenn die Krankheit bis an die tiefsten Wurzelndes Lebens gedrungen ist, wird derselben die Überschätzung des Todten, die hierund dort nicht zu verkennen ist, auf eine Weise gefährlich, die die Kunst schändetund den Künstler herabwürdigt. Es ist dies jene blinde Tollkühnheit, die allesDas dem Leben zu tragen zumuthet, was am Leichname die geübte Hand zu voll-ziehen nicht gehindert wird, die fast keinen Theil des Organismus für so wichtighält, daß er nicht auch entfernt werden könnte, die, ohne die Natur und das We-sen der Krankheit zu würdigen, ohne die Ursachen derselben zu erforschen, ohneihren unabänderlichen Lauf zu achten, nur die Gögenwart im Auge hat und nurihrer kurzen aber freilich lauten Bewunderung ein williges Gehör leiht, nicht aberder nächsten traurigen Zukunft gedenkt; es ist jene unglückselige Leidenschaft,durch blutige Eingriffe Alles heilen zu wollen, welche den Arzt den Menschen nichtmehr als seinen leidenden Bruder achten läßt, sondern ihn verführt, denselben alsMittel zur Übung, als Gegenstand seines grausamen Versuchs zu betrachten; esist mit einem Worte jene Blutgier, welche den Arzt zum Kannibalen machtund seine Laufbahn mit Strömen unnütz vergossenen Blutes befleckt, auf der er,nicht von dem Triumphzuge froher Geheilten, sondern von einer kleinen Schar kla-gender Krüppel geleitet, wandelt, und die ihn nicht zu einem erhabenen Ziele führt,sondern nur zu bald an dem Rande des nahen Abgrundes endigt.

Gefährlicher aber als alle bis jetzt geschilderten Verirrungen und Einseitig-keiten auf dem Gebiete der Medicin, ist die Ansicht der Ärzre, welche den Grundund Boden der Medicin, das Gebiet des Sichtbaren, verlassen und dieselbe imReiche des Unsichtbaren suchen, oder gar schon gefunden zu haben wähnen. Manmuß die Medicin durch die Fackel der Philosophie erleuchten; das ist der Ruf einergewissen Partei. Der skeptische Geist, der in dieser waltet, macht auf dem Ge-biete der Medicin gar bald das Gewisse ungewiß, das Erwiesene zweifelhaft, dasHelle dunkel, das Wahre nur wahrscheinlich. Was ist der Erfolg? Die neue phi-