Medicin in ihrem neuesten Zustande
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auf eine Störung jenes chemischen Processes. Einer andern Satzung — den An-Hangern einer tobten Humoralpathologie — ist unser Organismus ein Stück Land,das üppig grünt, wenn es von frischem Wasser in erfoderlicher Menge durchströmtwird, das jedoch verdirbt, wenn jenes Wasser seinen Fall verliert, und stockend,hier Überschwemmung dorr Dürre veranlaßt. Die Einseitigkeit des Gleichnissesführt hier von selbst zur Einseitigkeit der Ansicht und der Handlungsweise; jeneSekte kennt nur einen Heilweg, Beförderung der Trennung des Brauchbarenund Unbrauchbaren, Zurückhaltung jenes, Austreibung dieses; die andere Satzungkennt nur ein Losungswort bei ihren Heilzwecken, es ist Eröffnung der Abzugs-kanäle, die sogenannte auflösende und abführende Heilmethode. So und nichtanders handelt sie häufig selbst dann noch, wenn auch der Boden unter der Hitzesenkrechter Sonnenstrahlen vertrocknet, d. h. die Fieberhitze einer auszehrendenKrankheit den Körper gleichsam verbrennt.
Wenden wir uns von diesen Sekten zu den arztlichen Schulen und Systemenunserer Zeit. Hier ruft eine Schule — die phlogistische — Entzündung ist derGrund, die Ursache aller Krankheiten! Nennt mir, fährt sie fort, ein Leiden, eineKrankheit, eine Beschwerde, deren Natur und Wesen sich nicht durch die Entzün-dung erklären ließe? Ist es nicht diese, welche schon das ungeborene Kind imSchooße der Mutter heimsucht? Ist sie es nicht, welche den kaum Geborenen be-fällt, ist sie es nicht, die alle Leiden des Jünglingsalters herbeiführt, die das kräf-tigere Mannsalter nicht verschont und fast alle Greise in das Grab stürzt? DieNerven, sagt dagegen eine andere Schule— die neuropathologische— sind dieUrsachen und die Quellen aller unserer Leiden, durch sie empfängt der Körper alleunangenehmen Eindrücke, alle schädlichen Einwirkungen von der Außenwelt, siehalten dieselben zurück, von ihnen geht jedes Weh, jeder Schmerz aus, sie sindallein zu berücksichtigen, dorthin ist die ganze Thätigkeit der Heilkunst, dorthin diegesammte Beobachtung zu richten. Nach diesen Grundsätzen behandelt, sinkt nichtselten der Kranke unter den fürchterlichsten Leiden in das Grab, der ohne Zweifelwäre gerettet worden, wenn das System außer den Nerven auch Blut und andereSafte hätte anerkennen wollen. Lenken wir unsere Blicke weiter, so finden wir,daß sich auf den Trümmern mancher schönen Theorie und Hypothese, die wie einMeteor vorüberging, manches Systems, das auf unerschütterlichen Pfeilernstehen sollte, noch immer ein Haufe alter Streiter befindet — die Erregungstheo-retiker. Denn der Krieg über die erhöhte und verminderte Lebenskraft, über di-recte und indirecte Schwache, über Blut, Galle und Schleim ist auf dem prak-tischen Gebiete nichts weniger als ausgekämpft, und erbauen sich und ihrer Ansichtjene Streiter auch keine Tempel mehr, so ist doch fast jeder bemüht, wenigstenseine Hütte aufzuführen, in die er, dem Sisyphus vergleichbar, die Natur zu tra-gen umsonst sich abmüht.
Setzen nun die Stifter und die Schül-r aller hier mit kurzen Zügen geschil-derten Sekten, Schulen und Systeme nicht ihre eignen Gedanken über die Natur ?Fehlen sie nicht alle, indem sie vergessen, daß sie nur einen Theil des siechen Kör-pers, höchstens eine Seite der kranken Natur aufzufassen vermögen? Irren sienicht alle deshalb, weil sie eine Copie, vom menschlichen Geiste erfaßt und vonMenschenhänden entworfen, über das göttliche Urbild stellen? Es bilden sichaber auch ferner dadurch Parteiungen und Spaltungen unter den Ärzten auf demGebiete ihrer Wissenschaft und Kunst, daß nicht wenige derselben der Betrachtungdes Erstarrten und des Tobten ein Übergewicht über die Prüfung des Lebendigeneinräumen. Es ist unstreitig nicht genug zu loben, daß viele Ärzte unserer Zeitdie Erweiterung und Förderung ihrer Kunst der Gewalt der Verwesung und derMacht des Grabes abzuzwingen suchen. Wer kann die Vortheile schildern, welchedie Medicin durch tiefere Forschungen der pathologischen Anatomie gewonnen hat;