68 Median in ihrem neuesten Zustande
die Natur stellen, liegt in jener Neigung des Verstandes, anstatt durch Prüfungvieler sinnlichen Erscheinungen zur Wahrheit zu gelangen, von einzelnen Erschei-nungen und Erfahrungen aus auf das Allgemeine zu schließen und auf jene eingroßes Gebäude aufzuführen, unbekümmert und sorglos, ob der Grund gut undunerschütterlich sei. Er liegt aber auch darin, daß man, die Natur der Medicinverkennend, nicht einsieht, daß ein System in derselben nur dann heilsam und nütz-lich sein könne, wenn es als ein wohlgeordnetes Fachwerk zur Sichtung, Ord-nung und Übersicht der vorhandenen Ersahrungen dient. Seitdem man dieseBedeutung des Wortes System verkennt, ist dem Jrrthume Thür und Thor ge-öffnet. Denn wieviele Ärzte verfallen, gleichviel ob Meister oder Schüler, inden Fehler, alle Erscheinungen nach einer einseitigen Wahrnehmung zu deuten undzu ordnen; einmal so weit gekommen, sind sie dann nur daraus bedacht, mit Hülfeder Philosophie auf dem Gebiete ihrer Wissenschaft zu arbeiten, sie suchen nichtmehr die Grundpfeiler ihres Systems in dem Studium der Natur, sondern inihren eignen Gedanken und Ansichten auf, und jetzt tritt der Irrwahn aus Anma-ßung, jene Culturausartung in den Verirrungen philosophischer Schulen, auf dasGebiet der Heilkunde und macht dieses Saatfeld der Gesundheit und des Lebenszum weitbebauten Todesacker. Der Beweis dieser Behauptung findet sich leiderunter den noch lebenden Ärzten aller Nationen.
Wenden wir unsere Blicke nach dem Süden unsers Welttheils, so sehen wirhier die traurigen Überreste eines an Wunderglauben und an veraltetem Herkom-men reichen Jahrhunderts; dort aber auch die traurigen Folgen einer geistigenTyrannei auf dem Gebiete der Medicin Ein Heller aber einseitiger Kopf, Rasori,baut miteinem Worte ein arztliches System — cnvtrastimulus. Dieses Wort,das mit elektrischer Kraft von dem Fuße der Alpen bis zur Lava des Ätna fast alleÄrzte berührt, läßt nur eine Ansicht in der Seele aufkommen; es bestimmt dieNamen der Krankheit, bezeichnet den Werth der Heilmittel und ihre Wirkungen,leitet die Beobachtung über den Verlauf und die Deutung des Leidens. Wäre esnicht Schicksal der Welt, von Worten regiert zu werden, sähe man nicht, daß derEinzelne, wie ganze Nationen, durch ein einziges Wort wie aus einem tiefenSchlafe aufgeschreckt werden könne: es würde fast unglaublich sein, welche Ty-rannei jenes einzige Wort auf dem Gebiete der Medicin im Süden Europas aus-übte. Und doch ist dem so. Wie hier ein halb dunkler Begriff, durch ein nicht vielhelleres Wort bezeichnet, der Eckstein, wenn nicht der Grundstein eines Systemsist, mit welchem viele Ärzte des Südens die Natur schulmeistern wollen, so bildet,richten wir unsere Blicke auf ein großes Nachbarland, auf Frankreich, dort dieKrankheit eines Organs das System, an welchem nach dem Vorgange vonBroussais eine große Anzahl von Ärzten hängt. Diesen Männern ist der Magenund der Darmkanal die Quelle fast aller Krankheiten und die Erkenntniß einerLeidensform dieser Organe, die Entzündung s^strilis und Austroenteritis) istihnen der Schlüssel zur gesammten Pathologie, das Mittel zur Erkennrniß der ge-summten kranken Natur des Menschen.
Wenden wir uns zu unserm deutschen Vaterlande, so herrscht hier zwar nichtdie Tyrannei eines Systems auf dem Gebiete der Heilkunde, wol aber sehen wir,daß, wie der Boden des deutschen Vaterlandes vielbenannt, vielregiert ist, wiehier neben mächtigen Reichen kleine Provinzen in Menge mit eignen Grenzen undeignen Namen sich vorfinden, eine große Zahl von Systemen und ein Heer vonSatzungen das Gebiet der Heilkunde besetzt hält und sich über die Natur stellt.Der einen dieser Satzungen, die nie zur tiefen Forschung durchgedrungen ist— es sind die Anhänger des gastrischen Systems —, ist der menschliche Körpernichts Anderes als eine Retorte, bestimmt zur Scheidung deS Brauchbaren vomUnbrauchbaren. Alles was den Namen Krankheit trägt, bezieht sich ihr von selbst