46 Maßigkeitsvereme
bei an den Branntweingenuß zu gewöhnen. Bis vor etwa zehn Jahren warenBranntweine in irgend einer Form ein wesentlicher Bestandtheil der Hauptmahlzeitin allen Theilen des nordamerikanischen Gebiets. Die Reichern tranken franzö-sischen oder spanischen Branntwein, die Armem westindischen, die Ärmsten neu-englandischcn Rum. In den südlichen Staaten war Kornbranntwein das Lieb-lingsgetrank, und einige weniger gewöhnliche Arten' von fremdem und einheimi-schem Wachholderbranntwein, Apfel- und Birnbranntwein gewahrten Abwechse-lung. Bei den Mahlzeiten und unter den Tagelöhnern bei dem Frühstück undVesperbrot wurden diese Getränke mehr oder minder mit Wasser verdünnt ge-nossen. Bei andern Gelegenheiten waren sie ein Bestandtheil verschiedener künst-lichen Zusammensetzungen. In den südlichen Staaten war es gewöhnlich, Brannt-wein mit Pfessermünze gleich nach dem Erwachen zu genießen. Um 11 Uhr füll-ten sich die Schenken, und die Geschäftsleute entließen ihre Angestellten auf einehalbe Stunde, um sich in einem benachbarten Kaffeehause zu erquicken, wahrendFrauen und Schwächliche ihre Eßlust durch Tincturen reizten, deren GrundlageRum war. Diese Genüsse zogen sich durch alle Tagesstunden bis zum Augenblickedes Schlafengehens. Bei jedem Besuche wurde der Gast mit Branntwein bewa-chet, bei keiner, selbst der feierlichsten Zusammenkunft ward es für unanständiggehalten, Rum vorzusetzen. Wo die große Mehrheit sich solchen Genüssen ohneBedenklichkeiten überließ, mußte die Menge ihnen im Ubermaß fröhnen. Trun-kenboloe waren gewöhnlich unter beiden Geschlechtern und unter allen Standen.Die Folgen des Lasters waren Bankrotte, sittliche Verderbtheit, Verarmung.Die Bemühungen, dem auffallend hervortretenden Übel abzuhelfen, beschränktensich lange auf den Einfluß Einzelner in einzelnen Fallen. Der Gedanke, durchgemeinsames Wirken wichtigere Ergebnisse herbeizuführen, scheint von einem Ver- !ein von Geistlichen in Massachusetts wenigstens zuerst entwickelt worden zu sein. ^Bei einer Versammlung desselben im Jahr 1811 ward ein Ausschuß unter dem !Vorsitze des Doctors Worcester in Salem ernannt, der den Auftrag erhielt, die IVerfassung eines Vereins zu entwerfen, dessen Zweck sein sollte, die Fortschritte jder Unmaßigkeit zu hemmen. Ein solcher Verein wurde 1812 gestiftet, der aus120 Mitgliedern in verschiedenen Gegenden des Staats Massachusetts bestand.Er hielt 1813 die erste Zusammenkunft und wählte einen ausgezeichneten Staats-mann, den ehemaligen Schatzsecretair Samuel Dexter, zum Präsidenten.Die erste Arbeit des Vereins war, genaue Kunde über die Beschaffenheit und denUmfang des bestehenden Übels einzuziehen, um die Aufmerksamkeit des Publicumsdarauf zu lenken und die Bemühungen zur Abhülfe leiten zu rönnen. Die vonJahr zu Jahr eingegangenen Berichte enthielten Thatsachen und Berechnungen,welche das Übel in einer furchtbaren Gestalt zeigten. Es ergab sich, daß 18 l0 inden Vereinigten Staaten 25,499,382 Gallonen Branntwein verschiedener Artwaren destillirt worden, wovon 133,823 Gallonen als Ausfuhr abgingen, wah-rend 8,000,000 Einfuhr hinzukamen. Der Gesammtbetrag, 33,365,559 Gal-lonen, war auf die damalige Volksmenge von etwa 7,300,000 vertheilt. Diesgab im Durchschnitt auf jeden Kopf, Männer und Kinder eingeschlossen, jährlich4j Gallone. Bei fortgesetzten Untersuchungen zeigten sich noch weit beunruhigen-dere Ergebnisse. Man berechnete 1814, daß jährlich nicht weniger als 6000 Men-schen in den Vereinigten Staaten als Opfer der Unmaßigkeit starben, und 1830stieg nach genauem Berechnungen diese Zahl noch weit höher. In demselbenJahre wurden 720,000 Gallonen Branntwein im Lande verbraucht. Es wurdefemer aus verschiedenen Berechnungen wahrscheinlich, daß die Unmäßigkeit anvier Fünftel der begangenen Verbrechen, an wenigstens d?ei Viertel der entstande-nen Verarmungen und an einem Drittel der Geisteszerrüttungen Schuld war.Der Verein in Massachusetts fuhr fort durch seine jährlichen Berichte oder durch