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Dritter Band (1833) M bis R
Entstehung
Seite
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38 Martignac

System der Regierung, wenn das Ministerium die Mehrheit in der Kammer er-langen wollte; denn um die Fahne des Absolutismus unter Labourdonnaye undRavez sammelten sich kaum 150 Deputirte. Der Präsident der Kammer aber,Royer-Collard, stand nebst Casimir Pc'rier, Lafsitte, Lafayette, Dupont de l'Eureund Andern an der Spitze der linken Seite von etwa 170 Deputirten. Das Volkverlangte oder erwartete von dem neuen Ministerium die vollständige Ausführungder Charte; die Presse verlangte ein Gesetz gegen den Betrug bei den Wahlen, eineMilderung der Preßgesetze, Localfreiheit durch ein Departements- und Commu-nalgesetz, ein Gesetz über die Nationalgarden, welche der König auf Villele's Rathin Paris aufgelöst hatte; sie verlangte Finanzreformen, insbesondere tadelte sieden Aufwand für die königliche Garde und die Schweizer. Der Kampf in derKammer begann, als Labbey de Pompierre am 14. Iun. eine Anklageacte gegendie vorigen Minister in Vorschlag brachte. Sie hätten sich, sagte er, des Verrathsgegen den König, den sie von dem Volke zu entfernen gesucht, des Verraths gegendas Volk und sträflicher Eingriffe in die Constitution schuldig gemacht. Hier mußteder neue Minister des Innern selbst die Angegriffenen in Schutz nehmen; nach ei-nem langen Kampfe ward die Anklage zurückgewiesen; aber das Ministerium ver-lor seine Popularität, und ungeachtet seiner wirklich liberalen und constitutionnellenBestrebungen, glaubte die Volksparlei dennoch an eine Wiederkehr des altenSchaukelwesens. Indeß geschah Vieles, was im Sinne der öffentlichen Meinungwar: die Expedition nach Morea unter dem Generallieutenant Maison, womiteine wissenschaftliche Gesellschaft ihre Untersuchungen verband; die Herstellungder Marine und des Ansehens der französischen Flagge in Brasilien, Westindienund im Mittelmeere*); die Thatigkeit des Ministeriums für Handel und Kunstfleißzur Beförderung der Industrie und der Schiffahrt. Eine allmalige Freigebungdes Handels, die Ermäßigung der Korngesetze und Beibehaltung bloßer Schutzzölle waren Ideen, welche wenigstens nach den Ansichten des Ministers St.-Cricq inverschiedenen Commissionen bearbeitet wurden. Diese Maßregeln mußten alsFortschritt zum Bessern den Beifall der Freunde des Wohlstandes und des Ruhmesvon Frankreich finden. Auch blühte das Gewerbe in mehren wichtigen Zweigen. Eswurden Schafe aus Nubien, Ziegen aus Tibet eingeführt. Ternaux, der erste Fabri-kant in Europa,verfertigte indische Shawls und feine Kaschemirs. Die Seidenmanu-facturen in Lyon nahmen einen neuen Aufschwung; man naturalisirte die Seiden-raupe aus China. Ein glücklicher Wetteifer mit England, Deutschland und derSchweiz erhob Frankreichs Production und gewerblichen Wohlstand, ungeachteteiner Abgabenlast von 1000 Millionen Francs. In den ersten sechs Monatendes Jahres 1829 segelten 550 französische Schisse nach dem Auslande und denColonien; die Ausfuhr Frankreichs nach den Colonien war 1828 bis auf 56 Mil- llionen und die Einfuhr bis über 67 Millionen Francs gestiegen; indeß litt die Co-lockialverwaltung an wesentlichen Gebrechen in der Rechtspflege, und der Wider-stand der Aristokratie des Reichthums veranlaßte Aufruhr zu Guadeloupe undMartinique. Der einsichtsvolle Hyde de Neuville suchte daher, nach EnglandsBeispiel, durch Ordonnanzen in der französischen Colonialverwaltung eine Rechts-gleichheit zwischen den freien Farbigen und den Cceolen oder Weißen herzustellen;allein die Beamten und fast alle Creolen hemmten die Vollziehung derselben durcheine förmliche Protestation, und es blieb so ziemlich beim Alten. Dagegen wurdeüber die Fortdauer der unter Villele's Verwaltung organisirten, sehr kostbaren Poli-cei geklagt, indem das neue Ministerium blos das sogenannte schwarze Cadinet,welches die Verletzung des Briefgeheimnisses und andere Schändlichkeiten gehei-mer Auslaurung leitete, am Ende des Jan. 1828 aufhob; jedoch waren die je-

') Nur der stolze Del von Algier (s d.) ließ sich durch die Blockade nicht zumNachgeben bewegen; daher dachte man schon jetzt an eine Landexpedition.