Druckschrift 
Dritter Band (1833) M bis R
Entstehung
Seite
32
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32 Marie Karoline (Herzogin von Bern)

nen Gefangenen, dessen Entlassung auf Ehrenwort die Klugheit verbiete, oder wieeinen Wahnsinnigen, dem man nicht seine Freiheit lassen könne, ohne das Lebenfriedlicher Bürger zu gefährden. Der Minister sprach darauf von den Entscheidun-gen der Gerichtshöfe zu Aix und Poitiers, und erklärte dieselben für unrichtige Aus-legungen der Lage der Dinge und des Sinnes der bestehenden Gesetze. Bei dieserAnsicht, fügte er hinzu, habe das Ministerium die Verpflichtung auf sich genom-men, die Frage vor die Kammern zu bringen und von diesen die Entscheidung zuerwarten. Was wollen Diejenigen, fragte er, welche die Herzogin vor das Gerichtstellen wollen? Nicht ihr Haupt, obgleich das Verbrechen offenbar ist, obgleichman auf Hinrichtung ihrer Mitschuldigen dringt. Man fodect eine richterlicheEntscheidung, aber nach derselben eine Haft in einer Festung mit schonenden Rück-sichten, man fodert was schon da ist. Und warum zweierlei Maß für gleiche Ver-schuldung? Weil man keine wirkliche Verurtheilung, keinen ernsten Nichterspruch,keinen Ausspruch will, der die erwiesene Schuld der Rache der Gesetze überliefert;weil man nur ein Scheinbild einer Verurtheilung verlangt; eine Komödie, worinalle Rollen voraus vertheilt sind und deren Entwicklung vorausgesehen und ange-ordnet ist.

Es liegt vor, daß sich gegen den Grundsatz dieser Erörterung Manches einwen-den laßt, und obgleich die Deputirtenkammer die Petitionen für die Herzogin durchAbstimmung für die Tagesordnung beseitigte, so dauerte doch der Streit der Parteienauf dem Kampfplatz der öffentlichen Besprechung lebhaft fort, und besonders wurden .die Beschwerden der Karlisten immer lauter, deren Wortführer, der beredte Chateau-briand, die bestehende Negierung so verletzend angriff, daß er in Anklagestand gesetztwurde. Unbefangen sagte er in seiner Schrift *), die Herzogin wäre, als sie den Wegnach der Vendee genommen, über den zu wählenden Zeitpunkt schlecht berathen ge-wesen. Statt den Weg einzuschlagen, den ihre ergebensten Diener bezeichnet hätten,möchte sie von Menschen, die in einer unmöglichen Vergangenheit oder Zukunftlebten, sich haben tauschen lassen, von Menschen, welche am meisten zu dem Unter-nehmen getrieben und nachher ihr eignes Werk zu verleugnen sich beeilt hätten.Aber die schwärmerische Hoffnung, daß die Kraft seines Jordanwassers sich andem Wunderkinde bewähren werde, mag ihm den Ausruf im Schlußworte eingege-ben haben:Illustre prisonniere 6e ölszse, Älucksme, votre üis est mon roi!"Die ritterliche Schwärmerei der Karliften und Henriquinquisten zeigte sich bald inauffallenden Erscheinungen. Schon im Dec. hatte die Herzogin krankhafte Zufällegehabt. Die karlistischen Zeitungen klagten über die ungesunde, für die schwache Brustder Gefangenen nachtheilige Luft in Blaye. Selbst auf Vergiftungen deuteten ge-hässige Winke. Die allgemeine Aufmerksamkeit wurde noch mehr erregt, als dieRegierung die beiden Ärzte Orsila, bekannt durch seine Untersuchungen über Ver-giftungszufälle, und Auvity von Paris nach Blaye sandte. Einige Zeitungen sag- .ten, der Zweck der Sendung sei nicht, legale Untersuchungen vorzunehmen, son-dern pour tüter le pouls l^slement a Naclame la Unckesse, andere, ihre Unpäß- >lichkeit sei nur etwas Natürliches, und deutlicher noch sprachen andere, an Gerüch-te aus der frühern Zeit der lebenslustigen Frau erinnernd. Mehre Karliften tra-ten als Verfechter der makellosen Frauenehre ihrer Heldin auf, und es erfolgtenzahlreiche Zweikämpfe, unter welchen besonders derjenige Aufsehen machte, denCarrel, der Herausgeber desNational", gegen einen eifrigen Legitimisten aus-focht. Mitten in dieser fanatischen Aufregung erschien imBoniteur" die ver-hangnißvolle Erklärung vom 22. Febr. Bald nach der Anstellung des GeneralsBugeaud, der dem Obersten Chousserie als Befehlshaber der Festung Blaye ge-folgt war, übergab ihm die Herzogin folgende von ihr unterzeichnete Urkunde:

*)Nsmoirs 5»r la espt!?it6 äs Naäamo I» tle öerr!" (Paris 1853). j