30 Marie Karoline (Herzogin von Berri)
7 Uhr Abends wurde das Haus von Soldaten umringt. Die Herzogin eiltemit ihren Gesellschaftern und ihrer Dienerin in ein Zimmer im Dachgeschoß,das zum Zufluchtsort bei dringender Gefahr ausersehen war, und wo die Her-zogin ihren Verräther kurz vorher gesprochen hatte. In einer Ecke des Zim-mers verschloß die Platte, welche die Rückwand des Kamins bildete, den Eingangeines Schlupfwinkels, der ungefähr 3 Fuß lang und 10—18 Zoll breit war.Als man die Platte geöffnet hatte, ging Guibourg zuerst in den dunkeln Winkel,der feine Menars aber wollte die Herzogin und das Kammerfraulein zuerst eintre-ten lassen. „Sie wissen, Freund", sprach die Herzogin, „wenn ein General sichzurückzieht, muß er vor Allem an die Rettung seines Heers denken." Sie gingmit ihrer Dienerin zuletzt hinein, und die beiden Frauen standen vor den Männernunmittelbar vor der Kaminplatte. Die Soldaten, von Policeibeamten aus Parisund aus Nantes angeführt, durchsuchten indeß das ganze Haus, ließen Wachenin allen Zimmern, zündeten Feuer in allen Kaminen an, um Diejenigen, die sich indenRauchfängen verborgen hätten, aus ihren Schlupfwinkeln zu treiben, und besetz-ten alsbald auch das Gemach im Dachgeschoß. Die Eigenthümerinnen des Hausesund zwei von der Herzogin zum Mittagsessen eingeladene Frauen zeigten, von Sol-daten bewacht, die größte Besonnenheit und Geistesgegenwart, und ihre Dienstbotenwiderstanden allen Aufsoderungen und Lockungen,das Geheimniß zu verrathen. Nachlangen vergeblichen Nachfuchungen begnügte sich der Präfect, Maurice Duval, derAlles angeordnet und geleitet hatte, die Zimmer des Hauses besetzt zu halten. Diebeiden Gensdarmen, welche den Zufluchtsort der Herzogin bewachten, zündeten inder kalten Nacht ein so starkes Feuer im Kamin an, daß die Gußeisenplatte rothglü-hend wurde. Die Lage der Gefangenen war um so schrecklicher, da die herbeigerufe-nen Werkleute mit Brecheisen und eichenen Balken an die Wände stießen, und dieerschütterten Mauern neue Gefahren drohten. Als in den Morgenstunden des 7.Nov. das Feuer in dem Kamin erneuert ward, der Rauch in den Schlupfwinkeldrang und das Gewand der Herzogin brannte, verschwand alle Hoffnung. DieGendarmen hörten den Ruf: „Macht auf, wir ersticken." Die Eisenplatte öff-nete sich auf einige Hammerschläge, das Feuer wurde von dem Kaminherde ent-fernt, und die Herzogin trat mit ihren Leidensgefährten hervor. Die Gefangenenwurden in ein anderes Zimmer geführt, wo sich der Präfect, der General Dermontcourt und andere Stabsoffiziere befanden, welche der Herzogin alle Aufmerksamkei-bewiesen, die ihre Lage foderte. Sie zeigte große Fassung, und als sie unter denPapieren, die man im Dachzimmer gefunden hatte, ein Bild des heiligen Clemensbemerkte, sagte sie zu Dermoncourt: „Herr General, das ist'nichts Aufrührisches;den Heiligen brauche ich grade jetzt." Sie ward alsbald mit ihren Gefährten indas Schloß zu Nantes geführt, wo man zuvorkommend für ihre Bequemlichkeitsorgte. Am folgenden Tage beriethen sich die Behörden, und faßten den Beschluß,die Anordnung der Regierung zu vollziehen, welche befohlen hatte, die Herzogin,sobald sie verhaftet sein würde, nach der Festung Blaye im Departement der Gi-ronde zu bringen. In den Frühstunden des 9. Nov. wurde sie mit dem GrafenMenars und dem Fräulein Kersabiec auf ein Dampfschiff gebracht, das die Loirehinab nach Saint-Nazaire fuhr, wo die Brigg La Capricieuse die Gefangenenaufnahm, um sie längs der Küste nach Blaye zu führen. Als die Herzogin dasSchiff bestieg, schien sie sehr bewegt zu sein, und die Heiterkeit, die sie seit ihrerVerhaftung gezeigt hatte, war verschwunden. Sie mochte nicht erwartet haben,daß die Festung ihr Aufenthalt werden sollte, und glaubte es nicht eher, bis der Prä-fect die Versicherung mit seinem Ehrenworte bekräftigt hatte. Die Fahrt von derMündung der Loire war ungünstig und erst am 15. Nov. landeten die Gefangenenunweit der Festung, die am rechten Ufer der Gironde, sieben Stunden von Bor-deaux liegt. Die Stadt ist am Fuße und auf dem Gipfel eines steilen Felsens ge-