§13 . Lamennüis
Brocket-Hall. Eines Tages im Sommer 1824 machte sie mit ihrem Gemahleinen Spazierritt, als vor dem Thore des Parks ein Leichenzug ihnen begegnete;es war Bpron's Leiche, die nach Newstead-Abbey gebracht wurde. Sie siel inOhnmacht, und eine schwere Krankheit war die Folge dieses erschütternden Ein-druckes. Die Ärzte schrieben die heftigen und lange dauernden Anfälle, welchensie ausgesetzt war, einer Geisteszerrüttung zu, und obgleich sie, wenn diese Ver-muthung sich verriet!), in bitterm Unwillen auffuhr, so war doch seit jenem un-glücklichen Vorsalle eine ganzliche Veränderung in ihrem Benehmen sichtbar.Bald nachher trennte sie sich völlig von ihren Gemahl, der jedoch bis an ihren Todmit ihr in freundschaftlicher Verbindung blieb und immer der Gegenstand ihrerHochachtung war. Als die Aeichen der Wassersucht die Gefahr ihres Austandesverriethen, ging sie 1827 nach London, um ärztlicher Hülfe näher zu sein, undstarb am 25. Jan. 1828 mit Seelenruhe und jener Selbstbeherrschung, die sie inder Theorie so gut gekannt und so beredt empfohlen, aber im Leben so wenig ge-übt hatte.
Lamennais (Francis Robert, Abbe de), geboren zu Saint-Malo 1781,gehörte einer angesehenen Kaufmannsfamilie an; da er aber große Neigung zuden theologischen Studien hatte, so trat er in den geistlichen Stand. Er nahm balddie ultramontanischen Grundsätze an und ward ein rüstiger Vertheidiger des päpst-lichen Stuhls und der römischen Kirche. Sein feuriger Geist, der sich um wenigandere Dinge bekümnlecte, wandte sich ganz diesem Gegenstande zu. Schon alsNapoleon mit dem Papste ein Concordat geschlossen, schrieb er im ultramontani-schen Sinne „Heklexions sur I'etat sie I'äglise en ?rnnc« peneiunt le 18iümesiecle, et sur sn Situation uctuelle" (Paris 1808). Diese Schrift missiel sehr,und der Verkauf derselben wurde verboten. Sie ist später mehrmals wieder ab-gedruckt worden. L. ließ in den neuen Auflagen das Lob auf Napoleon, alsauf den Wiederherstellet der französischen Kirche wegfallen, wogegen die letztenAuflagen mit Miscellen, religiösen und philosophischen Inhalts, vermehrt wurden.L. verhielt sich nun still bis zur Restauration des Königthums, das schon einigeJahre wieder bestand, als er mit den ersten Bänden seines „Lssui sur t'in<tiUe-rence en mutiere cke religpon" hervortrat, die 1817 und 1818 erschienen; bis1825 wurde der erste acht Mal, der zweite fünf Mal aufgelegt. Er ließ denselbeneine Vertheidigung seiner Grundsatze folgen: „Defense cke I'Lssui sur inckiLe-rence etc." (Paris 1821). Die beiden andern Bände kamen 1823 heraus.Man erstaunte über das außerordentliche Schriftstellertalent eines in den krassestenVorurtheilen befangenen Priesters, der hier Grundsätze aufstellte, wie man sie etwavor zwei Jahrhunderten in den katholischen Ländern lehrte und behauptete, und dabeivon dem gesellschaftlichen Austande Europas mit einer Verachtung sprach, als ober mit demselben nichts gemein hätte. Indem er zu zeigen sucht, daß das Grund-princip der römischen Kirche, die Autorität in Glaubenssachen, zugleich die einzigeRegel der Gewißheit und der Grund der menschlichen Vernunft sei, behauptet er,die Aufhebung dieses Princips sei so viel als Vernichtung der Vernunft, und setzthinzu, es ergebe sich, daß selbst die Verrücktheit in der Hartnäckigkeit ibren Grundhabe, mit welcher sich der Geist gewissen falschen Ansichten hingebe, und daß mandaher mehr Narren in den Ländern finde, wo der Grundsatz der kirchlichen Autoritätgeschwächt sei und der Geist weniger Schutz gegen sich selber finde. Nach L.'s Lehreverirrt sich der Mensch, sobald er sich seiner Vernunft bedient und sich der Unterwerfungunter der geistlichen und göttlichen Obrigkeit entzieht. Jede Abweichung von derLehre der Kirche oder des Papstes ist eine strafbare Abtrünnigkeit, jeder Widerstandgegen des Papstes unfehlbare Entscheidung eine gottlose Empörung. Folglich ist so-gar die gallicanische Kirche, da sie sich auf einige Freiheiten stützen will, eine Ketzerei.Es kann nur eineKirche, eine Lehre geben. Der Staat, welcher dieselbe nicht mit al-