Druckschrift 
Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
758
Einzelbild herunterladen
 

758

Kortüm

Göttingen nach Heidelberg, um hier ausschließend Alterthumswissenschaft zu trei-ben, trat in das philosophische Seminar ein, welches damals Crcuzer und Böckbleiteten, besuchte die Vorlesungen dieser trefflichen und berühmten Humanisten mitbesonderm Fleiße, lernte durch den jüngern Heinrich Voß zuerst Äschylos ken-nen, befreundete sich genauer mit Thucydides und Aristophancs, gewann durchWilken die erste nothdürftige Einsicht in die Geschichte des Mittelalters, griff imPrivatstudium vorzüglich Theile der griechischen Geschichte auf, genoß dabei dieherrliche Natur und alle Freuden der akademischen Jugend, in welcher, trotz denauch von ihm mit allem Eifer durch Wort und Degen vertheidigten Landsmann-schaften, ein patriotischer Geist wehte, und kehrte im Herbst 1810 auf einem be-trächtlichen Umwege durch Franken, Thüringen und Sachsen nach Mecklenburgzurück. K., damals ein etwas unbändiger und auf ein einseitiges Ziel gerichteterJüngling von 22 Jahren, schlug in seiner Heimath alle Gelegenheiten eines ver-standigen Unterkommens aus, traf im Frühling 1811 nur mit Vorwissen wenigerFreunde und Gönner, unter welchen sich auch E. M. Arndt in Greisswald befand,im Geheimen Vorkehrungen zur Abfahrt nach England, um von da Spanien, dasLand seiner Ideale, und die dortigen Insurgenten zu erreichen. Er wurde, da dieKüste des Dars unweit Ribnitz in Mecklenburg-Schwerin etliche Tage vorher vonFranzosen und rheinbündischen Truppen war besetzt worden, auf der Rückwan-derung nach Rostock in einem einsamen Wirthshause verhaftet, nach gehörigerDurchsuchung der Papiere, welche zum Thcil genaue Angaben der Stärke undStellung der Franzosen in Mecklenburg enthielten, als Spion mit Wachen um-geben, zerriß in einem günstigen Augenblick diejenigen Briefe und Notizen, welchebesonders hätten compromittiren können, erwehrte sich mit genauer Noch derSäbelhiebe der darüber erbitterten Soldaten, 'entkam bei Anbruch der Nacht,vontheilnehmenden Landleuten unterstützt, den Wächtern (April 1811), schütteltenach kurzem Auftnthalte in mecklenburgischen Dörfern und Städten den Staubdes unheimlichen, schwerbedrängten und unglücklichen Vaterlandes von den Füßen,nahm, von Freunden unterstützt, den Wanderstab in die Hand und erreichte nacheiner ziemlich langen Reise gegen Ende Ott. Jferten in der Schweiz, in der Ab-sicht, von hieraus bei günstigen Umständen seinen spanischen Plan zu betreiben.Allein glücklicherweise fehlte theils das Geld und trat andererseits bei dem Anblickdes ehrwürdigen Pestalozzi und seiner Umgebung reifere Besonnenheit an dieStelle einer jugendlich patriotischen Schwärmerei. Es stieg in ihm allmälig dieAhnung auf, daß man nicht allein mit dem Schwert kämpfen müsse und daßauch wissenschaftlich pädagogische Kräfte denselben Zweck verfolgen könnten.Das Leben in der Schwei; erschien ihm bald als eine besondere Gunst des Schick-sals; er nahm daher nach einem halbjährigen Aufenthalte in Jferten, wo damalsunter Pestalozzis und Niederems Leitung die rührige und geräuschvolle Werkstätteder allgemeinen europäischen Pädagogik aufgeschlagen war, einen Ruf des Herrnvon Fellenberg nach Hofwyl an, trat (Ostern 1812) als Lehrer der alten Sprachendem dort gestifteten Erziehungsinstitute bei, gab hier, neben dem erwähnten Fache,Unterricht in der Geschichte des römisch-griechischen Alterthums, und studirte sehrsteißig die Hauptquellen für die Zeit Kaiser Friedrichs I., kündigte aber bei dem Aus-bruche des großen Kriegs seine sonst sehr angenehmen Verhältnisse auf, machte,unterstützt durch den preuß. Regierungsrath von Türk in Potsdam, damals Vor-steher einer Erziehungsansialt in Vevay, den Feldzug in Frankreich (Winter 1814)mit, nahm Theil an der Erstürmung Ponties und anderer Stellungen des Feindesvor Paris und konnte, obgleich unter mannichfaltigen Beschwerden und Unan-nehmlichkeiten, in der französ. Hauptstadt fast drittehalb Monate den Wissenschaf-ten uns der Betrachtung der Kunstschätze widmen. Die Gelehrten Miilin undHase leisteten ihm dabei besondere Gefälligkeiten. Was er des Morgens und