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Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
706
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706 Kielmeyer

zu und reiste von da über den Harz, das Erzgebirge, Berlin und die sachsischenUniversitäten bis 1788; dann ward er als öffentlicher Lehrer der Zoologie undAufseher des Thiercabinets an der Karlsschule angestellt, Mitglied der ökono-mischen Facultät (1790) und ordentlicher Professor der Medicin und Chemie.Nach Aufhebung der Karlsschule (1794) behielt er die Aufsicht über das Thiercabi-net bei und machte 1795 eine Reise an die Nord- und Ostsee zur Untersuchung vonMeerproducten. Er erhielt 1796 einen Ruf als außerordentlicher Professor derChemie und Medicin in Tübingen, nahm denselben in Rücksicht auf seine frühereStellung nicht an, wurde aber sofort als ordentlicher Lehrer jener Fächer daselbstangestellt. Seine Wirksamkeit als Gelehrter hatte K. schon zu Stuttgart 1793begonnen mit einer „Rede über die Verhältnisse der organischen Kräfte unter einan-der in der Reihe der verschiedenen Organisationen, die Gesetze und Folgen dieserVerhältnisse" (neuer Abdruck, Tübingen 1814, französisch im Auszug vonÖls-ner, Paris 1815). Diese Rede drückte schon in seinen Hauptzügen den Geist aus,welcher alle folgenden Untersuchungen K.'s und seine Vorträge über verschiedeneZweige der Naturwissenschaft belebte, und sie begründete daher zunächst den großenRuf dieses Gelehrten, der durch seine zahlreichen, für ihn begeisterten Schüler sichschnell über Deutschland verbreitete. Schon in einer seiner frühem Schriften wiesSchölling auf jene Rede als eine herrliche und dereinst fruchtbringende Erscheinungim Gebiete der Physiologie hin. Als Universitätslehrer (in Stuttgart und in Tü-bingen) hielt K. Vorlesungen übrr vergleichende Zoologie, allgemeine und specielleZoologie; über vergleichende Anatomie der Thiere insbesondere; über Pflanzen-phyfik und specielle Botanik; über allgemeine und specielle Chemie; über Arznei-mittellehre und Pharmacie. Obgleich seine Vorträge nur auf echt antike Weisedurch Abschriften in entfernte Gegenden gelangen konnten, so wurden sie dochüberall wirklich als eine Art von Jncunabeln für die Wissenschaft, aufgenom-men, und das im wörtlichen Sinne; denn mancher Schriftsteller feierte in ihnensein Wiegenfest und sie waren für den Lehrer von nicht geringerm Werthe als fürden Schüler. Jenen konnte die in diesen Vorträgen dargelegte Methode als dasvollkommenste Muster Her Darstellung für den Lehrzweck gelten, während dieserdurch den lichten Vortrag nicht nur in den vollständigem Besitz des Positiven derWissenschaft gesetzt wurde, sondern zugleich unbemerkt die vollständigste Übung inder naturwissenschaftlichen Untersuchung überhaupt und zugleich eine Begeisterungfür die Wissenschast selbst gewonnen hatte. Allen diesen Vorträgen dient alsGrundlage ein mit großer Ausdauer und Kritik unternommenes Studium derQuellen, womit sich eine gewissenhafte und klare Darstellung der eignen und frem-den Beobachtungen verband. Seine Methode ging ihren ganz eigenthümlichenGang. Er fing still von den einfachsten Thatsachen an: links und rechts floß im-mer Mehres zu; die Masse von Erfahrungen wuchs; aber nie ließ er sich von ihrerdrücken, sein Vortrag schritt in ruhiger logischer Ordnung fort, und wurde zu einembreiten, großen Strom, dessen Lauf jedoch der Lehrer stets mit großer Sicherheitund Einsicht zu lenken und zu bestimmen wußte. Die strengste Logik herrichte inder Anordnung des Gegenstandes, mathematische Schärfe in der Prüfung dereinzelnen Beobachtungen und der daraus gezogenen Schlüsse. In der hierauf ge-gründeten Darstellung der Bedingungen, Gesetze und Ursachen der einzelnen Er-scheinungen und ganzer Reihen derselben und ihrer Vergleichung mit andern Phä-nomenen, die K. meist in der großen Natur suchte, gibt sich eine Combinations-gabe zu erkennen, welche bei diesem Scharfsinn und bei dieser Gewissenhaftigkeitso sehr das Gepräge der Wahrheit an sich trug, daß selbst ihre Divinationen mehrals Weissagungen oder als Offenbarungen eines höhern Geistes erschienen. K.hatte nicht, wie manche erfahrungsreiche Naturforscher, eine Scheu vor denIdeen; er vermied zwar Hypothesen, aber der Schlußstein aller scmer Untersu-