Ketter 697
Aussätze im „Archiv", regten den Haß und die Ranke der Finsterlinge gegen ihnaus. Der Wunsch, in einem noch größern Wirkungskreise zu arbeiten und demBisthumsverweser von Wessenberg naher zu kommen, brachte ihn 1814 dahin,seine glückliche Lage in Aarau zu verlassen und die erledigte Stelle eines Decansund Pfarrers in Zurzach zu suchen. Hier mußte er unter einem aberglaubigenVolke, unter neidischm Amtsbrüdern, die seine Rechtgläubigkeit verdachtigten,und von den Kundschaftern des Nuntius bewacht, bald seinen Entschluß bereuen,und seine Lage wurde noch schlimmer, als durch die Ablösung des schweizerischenAntheils vom Bisthum Konstanz seine Widersacher Kräfte gewannen und Mittelerhielten, ihren Haß zu befriedigen. Des Kampfes müde, übernahm er 1816 durchUbereinkunft mit dem bisherigen Inhaber der Pfründe das Pfarramt zu Grafen-hausen auf dem Schwarzwalde. Auch hier sah er sich in seinen Erwartungen be-trogen. Seine Verleumder ruhten nicht und reizten selbst seine Gemeinde gegenihn als einen Ketzer auf. In dieser Einsamkeit, abgeschnitten von dem erheitern-den Umgang gleichgesinnter Freunde und vom wissenschaftlichen Verkehr, schrieber seine „Ideale für alle Stande, oder Sittenlehre in Bildern" (dritte Auflage,Aarau 1831). Gegen seinen Willen mußte er 1819 die einstweilige Verwaltungdes Decanats in feinem Sprengel übernehmen, die er bis 1820 unter entmuthi-gmden Schwierigkeiten führte. So warm fein Eifer für die Förderung des Gutenwar, so lag doch in dem aus der Schweiz ihm vorangegangenen Vorurtheile derGrund, daß er überall abgeneigte Gemüther und vorgefaßte Widersetzlichkeit fand.Selbst Freunde, welchen er arglos seine Ansichten mitgetheilt hatte, misbrauchtensein Vertrauen zu seinem Nachtheile. Kein hellerer Stern leuchtete ihm in Pfaf-fenweiler bei Freiburg, wo er 1820 Pfarrer wurde. Er bearbeitete hier nach frü-hern Vortragen sein „Katholiken. Für Alle unter jeder Form das Eine" (dritteAuflage, Aarau 1832), und auch dieses Werk, wie die „Ideale", erinnerte leb-hast an die „Stunden der Andacht", regte aber auch die Finsterlinge zu neuen Ver-folgungen auf. Die Berührung mit dem wissenschaftlichen Leben auf der nahenHochschule mußte den Wunsch in ihm wecken, aus seinen beengenden Verhält-nissen zu treten; aber sein Gesuch um die erledigte Lehrstelle der Dogmatik fandeinen Berichterstatter in der theologischen Facultat, der die Belege seines ungün-stigen Gutachtens aus den „Idealen" nahm, und die Negierung entschied nachdem Berichte. Die betrogene Hoffnung schmerzte ihn tief; seine geistige Kraftwar gebrochen, selbst von Nahrungssorgen war er nicht frei und seine Gesund-heit wankte. Im Dec. 1823 ward er plötzlich von einem Nervenleiden befal-len, welches ihn so sehr lahmte, daß er Gedächtniß und Sprache verlor. Erstnach langer Zeit kam sein Sachgedächtniß allmalig zurück. Das Erste, was erwieder schrieb, waren einige Sätze, die in Styl und Schreibung und in unge-wöhnlichen Wortformen das schmerzliche Ringen des zerrütteten Geistes mit demAusdruck zeigten. Nach einem längern Aufenthalt zu Liestall bei Basel kam ergenesen, aber nicht mit völlig gekräftigter Gesundheit nach Pfaffenweiler zurück.Er blieb, wie er selber sagte, für die Welt todt, die Kraft seines Geistes abgespannt,Zu gelehrten Arbeiten unfähig. „Ich wirkte so lange es Tag war", sagt er, „nunist um mich her schwarze Nacht. Mein Wissen und Wirken ist dahin." Verge-bens wünschte der Lebensmüde in Ruhestand versetzt zu werden. Geistiges undkörperliches Unvermögen war der Grund, auf welchen er seine Bitte stützte, und alssie abgewiesen wurde, führte er in einer Bittschrift an die Kirchenbehörde densel-ben Grund noch einmal für das Gesuch an, ihm eine Domherrnstelle zu geben.Der Tod löste seine Qualen am 7. Dec. 1827. In den letzten fünf Jahren sei-nes Lebens beschäftigte ihn eine Reihe kleiner Aufsatze, die er „Goldenes Alphabet"nennen wollte, und bis zum Buchstaben K vollendet hinterließ. Sie bilden dieunter dem Titel „Nachlaß" (2 Bde., Freiburg 1830) erschienene Sammlung