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Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
298
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298 Guizot und die Doctrinaires

einen offenen Bruch mit den Freunden der Freiheit vermieden, so lange sienoch die Aussicht gehabt, wieder zur Macht zu gelangen; als sie aber I827(unter Villele's Ministerium) auch diese verloren, sei sie abtrünnig gewor.den. Der(loustitutioimel" schildert den Doctrinaire als einen Mann, der diePrivatinteressen einer Coterie, die er falschlich Frankreich nenne, mit dem Mantel !des allgemeinen Interesse und mit hohen metaphysischen und theoretischen Betrach-tungen verdecke, und dessen Hauptmasse die Abtrünnigkeit sei. Zu große Gesprä- !chigkeit sei stets die Schwäche der Doctrinaires gewesen, und sie hatten sich deshalbauch mehr Blößen durch das Sprechen als durchs Handeln gegeben. Der Haupt- jfehler dieser Partei bestehe aber darin, daß sie eigentlich gar keine Partei sei. Daz >Journal cku commerce" bemerkt, daß gerade dasäournal cies äebats", wel-ches jetzt fortwährend die Vertheidigung der unter diesem Beiworts angegriffcnmMänner führe, 1816 diesen Spitznamen erfunden habe. Das heutige Unglückder Doctrinaires bestehe darin, daß sie aus der Mode gekommen seien. Im Grundestimmen alle Blätter der Opposition in dem Vorwurfe überein, daß die sogenann-ten Doctrinaires die Iuliusrevolution nicht gemacht, daß sie sich aber der Folgen der-selben bemächtigt haben, um den Begriff der Volkssouverainetät allmäli'g dem Be-griffe der Legitimität unterzuordnen; habe doch G. selbst zuerst eine Quasilegitimi-tät dem Volkskönigthum des Julius einimpfen wollen, indem er die Wahl Lud-wig Philipps mit auf den Grund, weil er ein Bourbon *) sei, gestützt habe.Beurtheilt man G. nach den in seinen Schriften dargelegten Grundsätzen, so ist eraus Überzeugung ein Freund der Freiheit und der Monarchie. Ein Historiker wieer kann unmöglich Paris und Frankreich für geeignet halten, das Mutterland ei-ner europäischen Republik zu werden; aber ebenso wenig wird er ze irgend einerRückkehr zu den Formen der alten Feudalmonarchie seinen Beistand leihen. Er istbesonnen, gemäßigt und fest in seinen Ansichten; er ist ein geübter Redner auf derTribüne, und in der klaren, geordneten und gründlichen Entwickelung seiner An-sichten kommen ihm Wenige gleich. DaS Gefühl nun, ihn nicht widerlegen zukönnen, erbittert seine Gegner. Alle Vorwürfe, die ihm die beiden entgegengesetz-ten Parteien machen, kommen darauf zurück, daß er, aus Grundsatz und aus Er-fahrung, von jedem Äußersten in der Theorie wie im Handeln sich entfernt halt.In Ansehung der Legitimität erklärte er sich so:Ich glaube weder an das göttlicheRecht, noch an die Souverainetät des Volks, wie man beide gewöhnlich versteht;ich erblicke darin nichts als die Anmaßungen der Gewalt. Ich glaube an die Sou-verainetät der Vernunft, der Gerechtigkeit, des Rechts: dies ist der legitime Sou-verain, den die Welt sucht, und den sie stets suchen wird; denn die Vernunft, dieWahrheit, die Gerechtigkeit sind nirgend ganz und unfehlbar vorhanden. Wennein Mann sich für das Bild Gottes auf der Erde ausgibt und unter diesem Titeleinen leidenden Gehorsam verlangt, so sah er die Tyrannei gegründet. Hat ein Bolksich nach Köpfen gezählt und die Allgewalt der Zahl proclamirt, so hat es die Ty-rannei gegründet. Von diesen beiden Usurpationen ist die erste die unverschämteste,die zweite die brutalste. Die Erblichkeit der Throne hat keine andere Absicht, alsdie Erhebung des Rechts auf den Thron, damit dasselbe überall sei; durch diesenTitel allein ist die Erblichkeit legitim, aber auch durch diesen Titel wird sie einewahre Legitimität, und aus diesem Charakter, der ihre Kraft ausmacht, entsprin-gen zugleich all ihre Vortheile." Die Revolution ist nach G.'s Schriften derdurch den natürlichen nothwenbigen Gang der Bildung herbeigeführte Kampf desRechts gegen die Privilegien, der Kampf der gesetzlichen Freiheit gegen die Willkur.Darum widersetzte er sich stets unter Villele's Ministerium bis 1836 der Gegen-

*) Dupin rief aber dagegen sein bekannte« Obgleich aus. Daher sasle du'Ovnstitutivnnel^ nach dem 11. Oct. 1LZ2: durch die Ernennung des neuennisteriums habe das Weil über das Obgleich gesiegt.