202 Göttingen im Jahre 1831
Die Regierung zu Hanover, die einen früher erstatteten Bericht des akademi-schen Senats über die drohenden Anzeichen ganzlich unberücksichtigt gelassen, haueder wirkliche Ausbruch der Unruhen in eine um so ärgere Bestürzung versetzt; djzMaßregeln, die jetzt von ihr ergrissen wurden, zeugten hinlänglich von ihmÜberraschung. Ein Ministerialrescript vom 9. Jan. sprach das höchste Misfallenaus, der Landdrost Nieper von Hildesheim ward als königlicher Eommissariuznach Gcttingcn gesandt, um gegen die Urheber der Unruhen an Ort und Stellealsbald eine Untersuchung anzustellen, allein seine Mission hatte bei der Unzuläng-lichkeit seiner Vollmachten keinen andern Erfolg, als ihm selbst persönliche Unan-nehmlichkeiten zuzuziehen. Die akademischen Vorlesungen, die schon von selbstaufgehört, wurden am 19. Jan. von dem akademischen Senate für geschlossen er-klärt. Dagegen ward am folgenden Tage in einer Proklamation des Gemeinde-raths nicht nur wiederholt der feste Entschluß erklärt, unerschütterlich zusammen-zuhalten, sondern auch eine, aus Mitgliedern des Gemeinderaths nebst einem Ab-geordneten der Studirenden,aus einigen Gliedern des Stadtmagistrats und dem da-zu eingeladenen Professor Saalfeld bestehende Deputation nach Hanover gesandt,um dort die Bitten und Wünsche vorzutragen und die gänzlich verkannt scheinendeLage näher darzulegen. Die Bitten und Wünsche, welche die Deputation gegen denHerzog von Cambridge aussprach, gingen zunächst auf die Erlaubnis, eine Pe-tition der Stadt rücksichtlich des herrschenden Nothstandes und der in der Verfas-sung des Landes vorzunehmenden Veränderungen an den König selbst durch denHerzog einzureichen, dann aber auch darauf, daß der Herzog nach Göttingenkommen möge, um die aufgeregten Gemüther zu beruhigen. In letzterer Rück-sicht vorzüglich wurde zugleich lim Zurückziehung der heranrückenden Truppengebeten. Auf die Auffoderung des Herzogs, »hre Wünsche schriftlich einzurei-chen, wurden von der Deputation, wie es bei deren Zusammensetzung kaumanders zu erwarten war, zwei ganz'verschieden lautende Vorstellungen übergeben.Während die eine nur um die Erscheinung des Herzogs und die Anwendung ver-söhnlicher Maßregeln bat, enthielt die andere zugleich das Gesuch um Gestaltungdes Fortbestehens der zu Göttingen vorgenommenen neuen Einrichtungen, vor-züglich auch der Bürger- und Studentenbewaffnung, zugleich mit der dringendenBitte um Entfernung des Militairs, indem selbst der Entschluß ausgesprochenwurde, sich jedem versuchten Angriffe gegen die Stadt zu widersetzen. Die An-nahme und Beförderung der Vittschrift an den König wurde zwar von dem Herzogezugesagt, sowie auch seine persönliche Erscheinung in Göttingen, vor Allem aberschleunige Aufhebung der willkürlich getroffenen ordnungswidrigen Einrichtungen,Aufnahme der königlichen Truppen und unbedingte Unterwerfung verlangt. Mitdiesem schriftlichen Bescheide und mit der Anzeige, daß der Befehlshaber des zu-sammengezogenen Observationscorps im Weigerungsfalle angewiesen sei. mitGewalt den Eingang in die Stadt zu erzwingen, ward die Deputation wiederumentlassen. In einer außerordentlichen Sitzung des Ministeriums und des gehei-men Raths waren, angeblich einstimmig, die eben angegebenen Maßregeln gegenGöttingen beschlossen. Während am nächsten Tage (den 12. Jan.) eine Verord-nung die Vorlesungen einstweilen bis Ostern für geschlossen erklärte und die Studi-rendcn auffoderte, alsbald die Stadt zu verlassen, erklarte zugleich eine Prokla-mation des Cabinetsministeriums dessen Bereitwilligkeit, zu jeder Zeit gerechtenBeschwerden, so weit die Mittel reichten, abzuhelfen. Mittlerweile hatte der nochin Göttingen befindliche Rest des daselbst garnisonirenden leichten Jnsanteriebatail-lons die Stadt mit Waffen und Gepäck verlassen, und immer näher ward diejelbejetzt von allen Seiten durch das in aller Eile auf?—8999 Mann verstärkte Ob-servationscorps des Generalmajors von dem Busche eingeschlossen, und wiewoleine Auffoderung des Generals zur Rückkehr zur Ruhe und Ordnung für den Au-