46
Frankreich seit dem Jahre 1829
kannmer aufgelöst, neue Wahlen angeordnet und die neue Kammer auf den 3.Amzust einberufen. Das Ministerium mußte nämlich in Folge jener Adresse ent-wed er abgehen, oder durch neue Wahlen die Majorität zu erlangen suchen. Dieseglaubte es durch seinen Einfluß auf die Wahlen und mittels der Erfolge in Afrikasich zu verschassen; auf jeden Fall aber war es entschlossen, durchgreifend zu han-deln. Nur über das Wie? waren die Ansichten getheilt. Dies hatte den Austrittder gemäßigtem Mitglieder, des Grafen von Chabrol und des Herrn Courvoi-sier (s. d.), zur Folge. Jetzt ward durch die Ordonnanz vom 16. Mai das Mi-nisterium ganz im Sinne des Premierministers zusammengesetzt: Baron vonMontbel erhielt das Finanzdepartement, und an seine Stelle ward der ebensokühne als geistreiche Graf Peyronnet zum Minister des Innern ernannt. DerPräsident des Gerichtshofes zu Grenoble, Herr von Chantelauze, wurde Groß-siegelbewahrer und Justizminister; dem Staatsrathe, Baron Capelle (s. d.),ward das neue, für Staatsbauten errichtete Ministerium übergeben. Unterdessendauerte der Kampf der Regierung mit der Presse fort. Diese wurde in den gegenJournalisten und Dichter (s. die Art. Beranger, Barthelemy undMery)erhobenen Processen von den berühmten Advokaten Dupin d. Ä. Merilhou u. Bar-ths, am kühnsten und kräftigsten vertheidigt. Zugleich waren geheime Gesellschaften,in welchen derselbe Advocat und jetzige Minister Barthe nebst Odilon-Barrot am mei-sten wirkten, thätig,um Frankreich auf die Gewaltstreiche Polignac's vorzubereiten.Die allgemeine Unzufriedenheit ergriff selbst die untern Classen, welche schon in Folgedes strengen Winters 1828—29 und der TheurungSteuern verweigert undAufstän-de erregt hatten, wozu jetzt noch der Unfug der Walddiebe in weiblicher Kleidung (dersogenannten Oeinoiselles) im südlichen Frankreich und die, allgemeine Furcht erre-gende, Wuth der Brandstiftungen kam, welche sich aus der Normandie tief insLand und selbst bis in die Nähe von Paris verbreiteten.
Um die aufgeregten Gemüther bei den bevorstehenden Wahlen zu beruhigen,erließ der König am 13. Jun eine Proclamation an die Nation und an die Wäh-ler der Deputirten, worin er unter Anderm sagte: „Die letzte Deputirtenkammerhat meine Absichten verkannt; sie hat ihre Mitwirkung mir verweigert. Als Vatermeines Volkes hat sich mein Herz darüber betrübt; als König bin ich dadurchbeleidigt worden. Hört die Stimme Eures Königs. Aufrechthaltung der Charteund der Institutionen, die sie begründete, wird stets der Zweck meiner Anstren-gungen sein. Um aber diesen Zweck zu erreichen, muß ich die geheiligten Rechte,das Erbtheil meiner Krone, frei ausüben und ihnen Achtung verschaffen, u. s. w."Aber diese Stimme ward nur im entgegengesetzten Sinne verstanden. Ebensowenig ward die Volksgesinnung durch den Glanz der Eroberung von Algier<5. Jul.) zu Gunsten der innern Verwaltung umgewandelt. Die Wahlen ent-schieden für das constitutionnelle System und für die Opposition. Die 221 De-putirten, welche für die Adresse vom 18. März gestimmt hatten, wurden wiedergewählt. Das Ministerium erließ jetzt die Einberufungsschreiben an die Pairsund an die Deputirten; schon erwartete Paris die Eröffnung der Kammern am3. August, als mit dem Morgen des 26. Jul. die Blitze aus den Tuilerien ausFrankreichs constitutionnellen Boden fielen. An diesem Tage erschienen die für
K -
ll-
»N»»'- ...
IchnMPK,«',
ganz Europa verhängnisvollen sechs Ordonnanzen vom 25. Jul.; ein
Staatsstreich, welcher den bittern Meinungs- und Rechtsstreit zwischen der Nationund dem erblichen Throne der ältern Linie des Hauses Bourbon gewaltsam ent-schied. Durch die erste Ordonnanz, gegengezeichnet von dem Fürsten von Polignac, als Präsidenten des Ministerconseils, und von den Ministem Chantelauze,b'Haussez, Montbel, Guernon de Ranville und Capelle, wurde die Freiheit derPeriodischen Presse suspendirt, und ein Theil des Gesetzes vom 21. Ott. 1811 wie-der in Kraft gesetzt. Die zweite von denselben Ministern gegengezeichnete könig
V5Z
.. -»-ch'ch«,