584 D i ch
kommen weisen und in allen Anschla-gen richtig handelnden Mann, inder Person des Achilles einen un-überwindlichen Helden, abgebildet.Durch die Dichtungskraft haben wirdie lebhaftesten und reizendsten Vor-stellungen, von der Seligkeit^ desgottesfürchtigen und unschuldigenLebens der Patriarchen, von derElükseligkeit des goldnen Weltal-tcr. ; durch sie schreken uns die fürch-terlichen Vorstellungen von der Hölle,die der Gottlose in seiner Seele her-umtragt; durch sie wird das geistli-che Wesen der Dinge uns sichtbar *).Der Dichtnngskraft haben wir diegroßen und erhabenen Formen desPdisias und andrer griechischerKünstler, die erstaunlichen Charak-tere in einigen Trauerspielen des Sha-kespear, die reizenden Muster derTugend in den Schriften des Ri-cbardsons zu danken. Man weißaus der Erfahrung, daß erdichteteGegenstände in Werken, des Ge-schmaks gerade so rühren, als wennsie würklich vorhanden gewesen wa-ren, und daß ein Roman uns ebenso interessirt, als wenn alle seineErzählungen würklich geschchencDin-gc zum Grund hätten. Sobald dieErdichtung wahrscheinlich ist, so be-greifen wir die Möglichkeit der er-dichteten Sache. Stellt die Erdich-tung einen Charakter, eine That,eine moralische Handlung vor, so istes eben so viel, als wenn man unsauf eine andre Weise deutliche Be-griffe von diesen Sachen gegeben hät-te; wir sehen daraus, wie Men-schen denken, empfinden und han-deln können. Dieses ist eben so viel,
») da tsvols e I'egsl- «Zell? coie trzz-wrmsco in dumsw cN s Iz ve-ric» crsvcltics in tcmbian?s popolare:xarckic il clü coi'po ä i concerri,x con snimzi- I'jnsentüw, eg gvvolz?ogi coip» lo tpi/iio, convcrre in un-wsxini vilibili Io conccmp>g?ions Lcci.tsve ci^IIs ßsotoplnz. Lrsvin» l,. I.csp.
D i ch
als ob wir die würkliche Erfahrungdavon hatten. Sind es gute Mu-ster, welche die Erdichtung uns dar-gestellt hat, so erwckcn sie eben dieBewunderung, eben den Trieb sichauf diese Vollkommenheit zu schwin-gen , als wenn die Sachen würklichvorhanden wären. Sind sie böse,so crweken sie eben den Abscheu, alsdie Wirklichkeit. Stellt uns die Er-dichtung Begebenheiten vor, so er-kennen wir, was geschehen konnte,und dieses reizt unser Verlangen, un-sre Bewunderung, unfern Abscheu,eben so gut, als wenn die Sachengeschehen wären *).
Die Dichtungskraft ist eine Eigen-schaft der Einbildungskraft, und istdesto ausgedehnter, je lebhafter dieseist. Wem die Natur sie versagt hat,der kann den Mangel durch keinenFleiß ersetzen. Aber wie alle Vermö-gen der Seele durch Ucbung verstärktwerden, so kann man auch in derDichtungskraft eine größere Fertig-keit durch die Ucbung erlangen.Durch diese gewöhnt man sich an,jeden Gegenstand, der uns vor-kommt, erst genau zu betrachten,denn einiges darinn anders zu denken,Umstände davon zu lassen, oder hin-zuzuthun, und so entstehen erdichte-te Gegenstände. Je mehr man nunerfahren hat, je leichter wird dieErdichtung. So wie einer, der ei-ne große Anzahl Maschinen gesehenhat, .deswegen leichter eine neue er-finden kann, weil er eine große Men-ge hiezu dienlicher Begriffe und Ver-bindungen im Kopf hat, so kannder, welcher die größte Erfahrunghat, auch leichker Erdichtungen ma-chen.
Aber diese Dichtungskraft ist nuralsdcnn wichtig, wenn sie von einemscharfen Verstand unterstützt wird,ohne welchen sie gar leicht ins Aben«
thcuer-
S. Thellnchimmg z Wahrscheinlich-keit; Täuschung.