Druckschrift 
1 (1792) [A - D]
Entstehung
Seite
620
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Der Gegenstand der Dichtkunst,oder die Materie, die sie bearbeitet,ist jede Vorstellung des Geistes, dieklar genug ist, unter den Ausdruk derRede zu fallen, und interessant ge-nug, dieGemürher der Menschen ein-zunehmen. Sie scheinet einen wei-tern Umfang zu haben, als die Be-redsamkeit. Diese muß das Inter-essante ihres Stoffs in der Materieselbst suchen, da der Dichter durchdieWärme seiner Empfindung, Leb-haftigkeit seiner Einbildungskraft,und den sonderbaren Gesichtspunkt,in welchen ihn seine Laune setzet, auchden schlechtesten Stoff interessant ma-chen kann. Der Gesang einer Nach-tigall, sogar eines Insekts H, kannihn so reizen, seine Einbildungskraftund sein Herz so erwärmen, daß erin die angenehmste Schwarmerey vonsanften Empfindungen zärtlicher Artgeräth, und manch liebliches Bild derPhantasie vor seineu Augen sieht;dieses reizt ihn, durch einen dicserEm-psindung angemessenen Gesang auchuns in den angenehmen Gemüthszu-stand zu setzen, darinner sich befindet.So bildet der Dichter durch sein Ge-nie einen schlechten Stoff, den derRedner ungebraucht lassen muß, zueiner angenehmenMaterie, und dem,der schon an sich selbst reich ist, giebter durch seine eigene Gedanken, Phan-' tasten und Empfindungen, einen Uc-berfluß an jeder Art von Kraft. Washat nicht Homer bey Vorstellung derBelagerung von Trvja gefühlt, undRlopstok bei) dem Leiden und demTode Jesu ? Nichts scheinet so geringe,das dicDichtknnst nicht interessant ma-chen, und nichts so groß, das sie nichtnoch weit mehr vergrößern könne.Denn eigentlich zeiget der Dichter sei-nen Gegenstand nicht, wie er in derWelt vorhanden ist, sondern wie seinfruchtbares Genie ihn bildet, wie sei-ne Phantasie ihn schmüket, und wassein empfindungsvolles Herz noch da-S. Anakrcvns Ode aus die Cicada.

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bey empfindet, laßt er uns mit ge-nießen. Wir sehen durch ihn mehrdie Scencn, die seine Phantasie undsein Herz beschäfftigen, als Scenender Natur. Also wird einem Dichter,dessen Kopf und Herz merkwürdigsind, der geringste Stoff Gelegenheitzu einem guten Werk: aber allemalwird er ihn nach der Stimmung sei-nes Charakters wählen; der einengroßen und ernsthaften, der einenlieblichen; der einen traurigen, undder einen fröhlichen. Aber in dieserWahl hat er, wenn ihn Verstandund Ueberlegung nicht verläßt, einegcnaueRüksicht auf die, die seine Ge-sänge hören sollen. Nicht jeder aus-serordentliche Zustand seiner Einbil-dungskraft oder seines Herzens istihm wichtig genug, um ihn auf demDreyfuß des Apollo der Welt zu ent-falten; sowol seine eigene Ehre, alsdas, was er der Gesellschaft, darumer lebt, was er den Menschen über-haupt schuldig ist, leitet seine Wahl,und dadurch versichert er sich derHochachtung und Dankbarkeit seinerZeitgenossen und der spätesten Nach-welt.

Dieses sind die Wärkungen derDichtkunst auf den Dichter. Nichtweniger wichtig sind die, welche sieauf die Gemüther der Menschen hat,die ihm ein aufmerksames und em-pfindliches Ohr leihen. Wenn nacheiner alten sehr richtigen Bemerkungdas Wort, das aus dem Herzen ent-standen ist, wieder in die Herzendringt, so ist der Dichter ein Mei-ster über die Herzen der Menschen.Nicht nur die Gedanken und Bilderselbst, die er vorlegt, tragen das Ge-präge eines empfindsamen Herzens:auch der Ausdruk und der Ton derganzen Rede bestätigen es, und las-sen es uns unmittelbar empfinden.Die unerforschliche Tiefe des mensch-lichen Herzens zeiget sich auch darin»,daß bisweilen Vorstellungen, die sehroft ohne alle Würkung vor uns vor-