D i chDichtkunst. Poesie.
Die Runs? den Vorstellungen, Vieunter Oen AlMvrnk Oer Rede fal-len, nack Desckaffenheit Oer Ab-sicht den höchsten Grad der sinnli-chen Rraft?u geben. Der Dichterhat dieses mit dem Redner gemein, daßer vermittelst der Rede in andern ge-wisse Verstellungen erwcket; aber diebesondre Art, wie jeder seinen Zwekzu erreichen sucht, macht den Unter-schied zwischen der Beredsamkeit undDichtkunst. Der Redner behandeltseinen Stoff als ein Mensch, der sichbesitzet, der sieht, beurtheilet undempfindet, was vor ihm liegt; derDichter wird von seinem Gegenstandlebhafter gerühret, er wird davon sohingerissen, daß er in Begeisterungoder doch in eine Träumung geräth,in welcher seine Phantasie freycr undlebhafter würbet. Daher kommt es,daß er seinen Gegenstand anderssieht, als andre Menschen, daß ihmdas Vergangene und Zukünftige, alsgegenwärtig, das blos Eingebildete,als würklich vorhanden vorkommt,daß seine Vorstellungskraft durch diegeringste Veranlassung eine MengeNebenbcgriffe aufwekct, die ihn ebenso lebhaft rühren, als die, welcheunmittelbar in seiner Materie liegen.Die Rede des Dichters wird also ih-rem Inhalt nach sinnlicher, und anMaterie reicher ; er mischet unter daswürklich vorhandene viel eingebilde-tes, dem er den Schein des wörtli-chen giebt; die Vorstellungen habenweniger Zusammenhang, als in demVortrag des Redners. Nicht nurdie Materie wird durch diese unglei-che Art, wie der Redner und Dich-ter jeder von derselben gerührt wird,sehr verschieden behandelt; es zeigetsich auch natürlicher Weise eine ebenso große Verschiedenheit in beyderAusdruk. Der Ton des Redners,so stark, so nachdrüklich und pathe-tisch er auch wird, ist doch immer
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der Ton eines Menschen, der weiß,was er spricht, und vor wem erspricht; aber der Ton des Dichtersist durchaus, und da, wo er blossanft fließt, schwärmerisch und durchabgemessene Schritte, durch mehrKlang und Musik von dem Ton dergemeinen Rede unterschieden; es istder Ton eines Menschen, der, vonseiner Materie ungewöhnlich gerührt,auch ungewöhnlich davon spricht,dessen Worte, wenn es auch gemei-ne Worte sind, wenigstens in demTon das Gepräge einer tiefen Rüh-rung der Seele haben. Auch derAusdruk des Redners ist von desDichters seinem stark unterschieden.Jener nimmt ihn aus der gewöhnli-chen Sprache der Menschen, dieserfindet den gemeinen Ausdruk seltenstark genug; ungewöhnliche Figurenund Versetzungen, kühne Metaphern,Bilder, die dem anschauenden Er-kcnntniß mahlen, was der Rednerdem Verstand cntwikelt, sind desDichters gewöhnliche Mittel zumAusdruk.
Auf diese Weise muß nothwendigdie Rede des Dichters von des Red-nersRede, sowol in der Materie, alsin der Form, dem Ausdruk und demTon ganz verschieden werden: unddcßwegen theilct sich die Kunst derRede in die zwey Hauptäste, die Be-redsamkeit und die Dichtkunst.
Der Grund der Dichtkunst ist indem Genie des Dichters zu suchen,und die verschiedenen Zweige dersel-ben, oder die Gattungen der Gedich-te, entstehen sowol aus der besondernArt des dichterischen Genies, als ausden besonder» Veranlassungen dazu.Von jenem ist in dem vorhergehendenArtikel gesprochen worden; von die-sem aber wird in dem Artikel Gedicktgehandelt. Demnach bleiben unshier allgemeine Betrachtungen überdie Dichtkunst, ihre Anwendung undWürkung übrig.
Der