D i ch
kenheit fühlt, wünscht er, der gan-zen Welt sein Gefühl mitzuthcilen.Der Sänger des Achilles wird vor-nehmlich von großen Gegenständengerührt. Cr sieht alles in Bezie-hung auf starke, männliche Tugend,weil er selbst einen hohen Geist hat,mit patriotischem Eiser, mit krie-gerischem Much und mitBegierde zujeder großen und merkwürdigen Un-ternehmung angefüllt: da er dieMenschen immer von der Seite ihrergrößten Stärke ansieht, so geräch erbep jedem wichtigen Unternehmen inein starkes Feuer; sieht alles auf derernsthaftesten, oder kühnesten, undwichtigsten Seite an; wird selbst einHeld, ein Patriot, ein Staatsmann.Mit diesen großen Empfindungenund mit dieser starken Würksamkeitverbindet er einen durchdringendenVerstand, einen unerschöpflichenReichthum, die eigentlichen Mittel,zum Zwek zu gelangen, auszusuchen,eine lebhaste und mit solchem Genieverbundene Einbildungskraft, daß erjede sinnliche Ecene, mit den lebhaf-testen Farben, mit Lieblichkeit oderGroße, als ein wahres Gemahldesichtbar darstellt. Also zeiget er dasdichterische Genie in seiner höchstenGröße.
Mit; diesen Talenten kann einMensch sich selbst zum Propheten,zum Lehrmeister und Wohlthärer sei-ner Nation, und so gar aller gesitte-ten Nationen machen; denn unter al-len Menschen von Genie ist es keinemso leicht, sich um das menschliche Ge-schlecht verdient zu machen, als demDichter. Seine lebhafte Phantasiegiebt jedem Gegenstand einen unwi-derstehlichen Reiz; die Schärfe seinerBeurtheilungskraft und die Stärkeseiner Empfindungen, die er auf dasnachdrüklichste äußert, überzeugenden Verstand, und reißen das Herzunaufhaltbar fort.
Ihm stehen mancherley Wege of-fen, in dasInnere der Seele zudrin-
D i ch 611
gen, nachdem es die Umstände mitsich bringen; die Epopee, das Dra-ma, die Ode, das Lied und mancheandre Gestalt, in die er seine Mate-rie einkleiden kann. Was irgend zumNutzen der Menschen entdekt oder ge-sagt worden; Wahrheiten, Lebens-regeln, Muster der Sitten, der Tu-genden, großer Thaten: dieses alleslegt er würksam in den Geist und dieGemüther. Noch nirgend sind dieMenschen weder so verständig, nochso gut, noch so gesittet, als sie esscyn konnten. Also stehen dem Dich-ter noch überall'Wege offen, sich umsie verdient zu machen.
Wer aber dieses Verdienst erlan-gen will, der muß auch jene großeTalente, von denen vorher gespro-chen worden, auf die edelste Weiseanwenden. Er muß sie als Mittelbrauchen, nützlich auf die Gemütherder Menschen zu würken. Der lieb-liche Klang der Worte, die angeneh-men Bilder der Phantasie, die leb-hafte Rührung der Empfindung müs-sen angewendet werden, die Men-schen mit sanfter Gewalt zurTugendzu lenken, ihnen jede Pflicht süß zumachen, sie von ihrem wahren In-teresse zu überzeugen, die unvermeid-lichen Schläge des Schiksals zu er-leichtern, die Bitterkeit des Kum-mers zu versüßen, die Leidenschaftenzu zahmen, die Bögierde nach wah-rem Ruhm anzufachen. Wie Or-pheus, mache er wildeMenschcn zahm;wie Thalcs, bringe er die Bürger zurEintracht und zum willigen Gehor-sam der Gesetze; wieT^rräus, macheer sie gegen die Feinde des Staats un-überwindlich, und gewinne Schlach.ten durch seine Gesänge; wie-Homer,werde er der vertraute Lehrer desStaatsmanns, des Helden und jedesPrivatmannes. Dieses sind dieWe-ge zur Ehrenkrone für Dichter.
Wer sich aber begnüget, seine poe-tischen Talente blos anzuwenden, un-frer Phantasie lachende und tanzende
Qq 2 Bilder