Druckschrift 
1 (1792) [A - D]
Entstehung
Seite
610
Einzelbild herunterladen
 

6! o Dich

vorzustellen, strengte seine Einbil-dungskraft an, die großen Manner,die den Streit führten, vor sich zusehen, stellte sich selbst vor Troja, zogmit ihnen in den Streit, horte dasGerassel der Waffen, fühlte jedenEindruk, den die Umstände auf jededabey interessirte Hauptperson mach-ten. Um jeden Eindruk desto leb-hafter zu fühlen, war er itzt Achilles,dann Hcktor; redete und handelte,als wenn er itzt würklich in diesePersonen wäre verwandelt worden;itzt mit Heftigkeit und Wuth, dannmit Gelassenheit. Mit gleicher Leich-tigkeit wurde er itzt von dem Interesseder Griechen, dann der Trojaner be-seelt. Die Gefahren oder Hoffnun-gen, in denen er sich jedesmal befand,reizten jede Fähigkeit seiner Seelezur äußersten Anstrengung ihrerKräfte. Wenn er aus solchen Ent-zückungen wieder zu sich selbst kam, sofühlte er eine unwiderstehliche Be-gierde, das, was er gesehen undempfunden hatte, wieder zu erzählen,weil er in diesen Sachen eine Wich-tigkeit sah, die der Große seiner Em-pfindungen angemessen war; erwünschte alle Stämme der Griechenvor sich zu versammeln, um ihnen al-les, was er selbst gefühlt hat, mit-zuthcilen. Dieser Wunsch begeistertihn aufs neue; und nun fangt er indem feyeriichen enthusiastischen Toneines Menschen, der seiner Nationdie wichtigsten Dinge zu erzählenhat, an.

Diese Eigenschaften, das Feuerder Einbildungskraft, die Lebhaftig-keit des Gefühls, und die unwider-stehliche Begierde, das, was manselbst so lebhaft fühlt, gegen anderezu äußern, sind die wahren Anlagenzum poetischen Genie; sie können aberauch dieAnlagenzu einer fatalen Ver-wirrung des Gemüths seyn, wennsie nicht einen scharfen Verstand, ei-ne sehr gesunde Leurtheilungskraft,und überhaupt eine hinlängliche

D i ch

Starre des Geistes, sich seiner selbstund der Umstände, darin» man ist,bewußt zu seyn, zur Unterstützunghaben. Ohne diese Eigenschaften ar-ten jene in bloße Ausschweifungenaus. Wie der Mahler, der durcheine natürliche Richtigkeit seines Au-ges und durch eine sehr lange Ucbungeine völlige Fertigkeit in der richtigenZeichnung besitzt, mitten im heftig-sten Feuer der Einbildungskrast, dar-um er sich selbst vergißt, keinen Pin-selstreich zieht, der über die Gränzendes richtigen Umrisses heraustritt, soverläßt auch den guten Dichter dasrichtige Urtheil niemals, obgleich dieLebhaftigkeit des Gefühls das Nach-denken zu unterdrücken scheint. Erist so sehr gewohnt richtig zu urthei-len, an jedem Ort und bcy jeder Ge-legenheit das zn sagen, was sichschürt, jeden Gegenstand in Bezie-hungen, die eine gesunde Vernunftbestimmt, zu sehen, daß ihn auchdenn, wenn er außer sich ist, die Ver-nunft nicht verläßt.

Also könnte man in wenig Wortensagen, der große Dichter sey einMensch von starker und weit ausge-breiteter Beurtheilungskrast, vonfeinen: Geschmak, von sehr lebhafterEinbildungskraft und starken Em-pfindungen. DieungleicheMischung,und die durch vielerlei) Grade verän-dcrte Verhältnisse dieser Eigenschaf-ten, machen nebst dem Temperamentdie Verschiedenheit des dichterischenGenies aus- Anakreon ist in seinerArt so gut ein Dichter, als Homer:aber des Tejers Seele wird nur vonGegenständen einer sanften Wollustgereizt; sie zünden darin» ein Feueran, das eine helle Flamme giebt,die sanft wärmt, ohne zu brennen.Von dieser Wollust trunken schwär-met er mit feinem Geschmak, wie eineBiene auf den bluhmichten Scenenseiner leichten Einbildungskraft her-um, um überall Honig zu saugen:und indem er diese angenehme Trun-kenheit