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1 (1792) [A - D]
Entstehung
Seite
609
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von sinnreichen Einfallen und Erfin-dungen seyn, muß ein großes unver-zagtes Gemüch haben, muß hohe Sa-chen bey sich erdenken können, sollanders seine Rede eine Art kriegen,und von der Erde empor sieigenEben diese Fodcrungen macht Horaz,der nur den einen Dichter nennt,

InZenium cui tir, cui mens llivl-nivr scczue ostonsrul'uin

Einmal die gebundene Rede, die ge-wohnliche Sprache der Dichter, hatetwas so außerordentliches und en-thusiastisches, daß man sie die Spra-che der Gotter genennt hat: deßwe-gcn sie auch eine außerordentlicheVeranlassung haben muß, welcheohne Zweifel in dem Genie und Cha-rakter des Dichters zu suchen ist.Es scheinet, daß einerley Lage desGemüthesTanz, Musik, Gesang undPoesie hervorgebracht habe. Wirwerden also auf die Entdekung despoetischen Genies geleitet werben,wenn wir den wahrscheinlichen Ur-sprung dieser Künste vor Augen ha-ben s). Wir werden daraus abneh-men können, wie die poetische Spra-che und die Lust in abgemessenen Ver-sen zu sprechen, und aus der Redeeinen Gesang zu machen, hat entste-hen können. Will man den Ursprungjener drey verschwisterten Künste be-greifen, so muß man abnehmen, daßin dem Gemüth Empfindungen oderVorstellungen vorhanden seyn, dieentweder durch ihre Heftigkeit, oderdurch einen sanften, aber die ganzeSeele einnehmenden Zwang, oderdurch ihre religiöse oder politischeGroße, sich des Gemüths so bemäch-tigen, daß es in eine heftige odersanfte Schwarmercy geräth, in wel-cher die Gedanken und die Empfin-dungen unaufhaltbar durch die Rede

') Opitz von der deutschen Poetercy.

") I. c.

s) S.Vers; Sinsen: Tanz z Musik.Erster Theil.

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heraus strohmen. Wer auf dieseWeise von Gegenständen gerührtwird, und zugleich ein zartes Gefühlfür abgemessene Bewegung hat, diein der Musik den Takt und den Ryth-mus ausmacht, der ist der Mensch,den die Natur zum Dichter gebildethat.

Der Grund des poetischen Genieswird also in einer ungewöhnlich star-ken Fühlbarkeit der Seele zu suchenseyn, die mit einer außerordentli-chen Lebhaftigkeit der Einbildungs-krast begleitet ist. Die Eindrüke vonLust und Unlust sind bey dem Dichterso stark, daß er sich denselben ganzüberläßt, alle seine Aufmerksamkeitaufdas, was in seinem Gemuthe vor-geht, richtet, und ihrem Ausbrucheinen freyen Lauf läßt; darüber ver-gißt er die äußern Umstände, die ihnumgeben, und Gegenstande der Ein-bildungskraft würken eben so starkauf ihn, als wenn sie seine Sinnenrührten. Er geräth in eine Schwar-merey, die, nach Beschaffenheit derEmpfindung, die sie veranlasset hat,sich entweder heftig oder sanft, fowolin dem Ton der Stimme, als indem Strohn, der Worte, äußert.

Dieses lebhafte Gefühl aber ist zu-gleich mit einer eben so außerordent-lichen Vorstellungskraft verbunden,welche nach dem besondern Genie desDichters verschieden ist. Er bcur-theilet alles nach der ihm eigenen Art,sieht in dem Gegenstand, der ihm in-teressant ist, Beziehungen und Ver-hältnisse, die ein gesetzter Sinn nichtwürde entdekt, oder kaum würde be-merkt haben.

Die Erzählungen von dem, wasdie Griechen vor Troja gethan hatten,machten auf Homers Gemüth so leb-hafte Eindrüke, daß seine ganze See-le davon eingenommen wurde. Miteiner außerordentlichen Würksamkeitdes Geistes bestrebte er sich, Bege.benheiten und Thaten, die ihn sosehr reizten, sich auf das Lebhafteste

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