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1 (1792) [A - D]
Entstehung
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355
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Phantasie, für das Vollkommene desVerstandes, für das sittliche Große,kann kein Unterricht und keine Ue-bung ersetzen. Wer bei) Betrachtungdes Apollo in Belvcdere nichts mehrfühlt, als bey den Bildern, womitneue Künstler den Garren der Großeneine Zierde zu geben sich vergeblichbemühen; wem ein Claudius soschatzbar als Tralau ist, der mußsich aller schonen Künste enthalten;denn er wird nicmal von dem himm-lischen Feuer der Muse begeistert wer-den. Hat er aber eine feinere Seele,die das Schone und Große zu füh-len vermag, so muß er diese GabederNatur durch fleißige Uebung verstar-ken. Es geHort zu unserm Vorha-ben, daß wir den Künstlern alle unsbekannte Mittel dazu an die Handgeben. Das meiste haben wir indem Artikel Gesckmak ausgeführt.Denn eben die Mittel, welche denangebohrnen Gcschmak verstärkenund erweitern, erhohen die Fühlbar-keit der Seele.

Weil in der Begeisterung alle Kraftder Aufmerksamkeit so nachdrüklichauf einen einzigen Gegenstand gerich-tet ist, daß alle andern zugleich vor-handenen Vorstellungen der Seele indie Dunkelheit fallen, so ist hiernachstdie Fertigkeit, seine Aufmerksamkeitganzlich auf einen einzigen Gegen-stand einzuschränken, auch ein Mittelzur Begeisterung. Diese Fertigkeitaber erlangt man durch scharfes undfleißiges Nachdenken. Man weiß ausdem berühmten Beyspiel des Arcki-meves, dem man verschiedene andrevon neuern Mathematikern beyfügenkonnte, daß ein scharfes Nachdenkenüber abgezogene Wahrheiten dieAuf-merksamkeit so sehr fesselt, daß auchdie stärksten Erschütterungen der äus-serlichen Sinnen unmerklich werden.Wer sich demnach im scharfen Nach-denken fleißig geübt hat, der erlangtdiese Fertigkeit, seine Aufmerksam-keit zu fesseln, und wird bey vorkom-

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menden Fallen desto leichter in dieBegeisterung versetzt werden.

Diese strenge Aufmerksamkeit wirdoft durch die Stille der mitternacht-lichen Ruh, oder durch die Einsam-keit, erleichtert. Daher finden wiroft, daß solche äußerliche Umständedie Begeisterung sehr befördern.

Zu diesen wesentlichen und allge-meinen Mitteln der Begeisterungkommen noch einige besondre, zumTheil zufällige Mittel: wie viel dasTemperament des Künstlers dazubeytrage, laßt sich aus geneinenBeobachtungen über die Schwärme-reien melancholischer Menschen, überdie Raserei) solcher, deren Geblütdurch heftige Anfalle der Fieber inallzugrsße Wallung gekommen ist,abnehmen. Eine ähnliche Würknnghat jede außerordentliche Antreibungoder Hemmung des Geblüts: derWein, gesellschaftliche Freuden, dieLiebe, der Zorn oder andre heftigeLeidenschaften geben den Grund zurBegeisterung. Uebcrhaupt kann die-selbe durch alles, was uns in sostarke Empfindungen setzt, daß dieNerven des Korpers in eine merklicheErschütterung kommen, hervorge-bracht werden, weil in diesen Fallendie ganze Seele allein von dem Ge-genstand unsrer Vorstellung einge-nommen wird.

Eine genaue Aufmerksamkeit aufuns selbst läßt uns bemerken, daßjede Ursache, welche das Gcblüte zueinem etwas lebhaftem Umlauf an-treibt, die Würksamkeit unsrer Sec-lenkräfte vermehre. Man ist witzi-ger, lebhafter, scharfsinniger, em-pfindlicher, wenn durch Reiten oderGehen das Geblüte etwas angetrie-ben worden, oder wenn es durch ei-nen mäßigen Ueberflnß starker Ge-tränke dieselbe Würkung erfahrenhat. Daher kommt es ohne Zweifel,daß man im Reden, nachdem mansich ein wenig erhitzt hat, viel bered-ter wird, als man anfanglich gewe-Z » ftn.