Druckschrift 
1 (1792) [A - D]
Entstehung
Seite
353
Einzelbild herunterladen
 

B e g

offenbarestedarinn unbemerkt bleibet;so wird auf der andern Seite durchdas Interesse das Auge so geschärft,baß man auch das unmerklichste ge-wahr wird.

Nun ist es eine aus der Erfahrungbekannte, wiewol schwer zu erklä-rende Sache, daß die Gedanken undVorstellungen, die durch anhaltendeBetrachtung eines Gegenstandes ent-stehen, sie seyen klar oder dunkel, sichin der Seele aufsammeln, daselbstwie Saamenkorner in fruchtbaremBoden unbemerkt keimen, sich nachund nach entwikeln, und zuletzt beyGelegenheit plötzlich au denTag kom-men. Alsdenn sehen wir dm Ge-genstand, zu dem sie gehören, derbis dahin verworren und dunkel, wieein unförmliches Phantom, vorun-srer Stirne geschwebt hat, in einerhellen und wolausgebildeten Gestaltvor uns. Dieses ist der eigentlicheZeitpunkt der Begeisterung.

Nun sieht man seinen Gegenstandin einem ungewöhnlichen Lichte; mansieht in ihm Dinge, die man nochnie gesehen; was man schon so lan-ge zu sehen gewünscht, erscheinet itztohne Anstrengung; man ist geneigtzu glauben, ein wohlthätiges Wesenvon höherer Art habe unsie Sinnengeschärft, oder habe auf eine über-natürliche Weise den gewünschtenGegenstand vor unsre Einbildungs-kraft gestellt.

Uber dieser glükliche Augenblik,wie wird er hervorgebracht? wie er-langt der Künstler diesen Beysiandder Muse?

— Welcher Macht des Gebets von un-

suMichen Appen,Welchem sanften unschuldigen Zittern der

Brust wird gegeben.Daß die Himmlische chn in stillen Näch-ten besuchet,

Oder bey einsamen Quellen verschwiegeneWorte zu ihm haucht*)?

Wir wollen dem Künstler den glük-lichen Wahn von dem Benstand ei-

Bodmcr.besser Tkeil.

Beg > Z5Z

ncr höhern Kraft nicht benehmen;inzwischen aber dem Philosophen,der weniger gläubig ist, folgendesins Ohr sagen.

Bey der unaufhörlichen Anstren-gung der Vorstellungskräfte auf ei-nen einzigen Gegenstand geschieht eswol, und vielleicht auch von ohngc-fchr, so gar im Traume, daß einungewöhnlich Heller Gedanken davonhervorkommt. Die große Begierde,mit der man den Gegenstand schonso lange in einem Heilerin Lichte zusehen gewünscht, wird nun plötzlichauf das lebhafteste gereizt; nun wer-den alle Nerven gespannt; die Auf-merksamkeit wird jedem andern Ge-genstand entzogen; alle Vorstellun-gen, die. nicht mit der einzigen interes-santen verbunden sind, sinken in dieDunkelheit. Selbst die Würkungder äußern Sinnen wird so ge-schwächt, daß der Geist daher keineZerstreuung zu befürchten hat. De-sto Heller und lebhafter wird nun je-der Begriff, der sich auf den Daupt-gegenstand bezieht; itzt treten alle ge-sammelte Vorstellungen aus der Dun-kelheit empor, und, wie im nachtli-chen Traum, wenn alle Zerstreuunggänzlich aufhöret, das Bild, wel-ches wir wachend in dunkele Dünsteeingehüllt gesehen, in der Klarheitdes hellcsten Tages vor unfern Au-gen steht: so sieht der Künstler indem süßen Traum der Begeisterung,den gewünschten Gegenstand vor sei-nem Gesichte; er vernimmt Töne,wenn alles still ist, und fühlt einenKörper, der blos in seiner Einbil-dung die Würklichkeit hat.

Hieraus nun läßt sich allerdingsbegreifen., woher die erhöhten Sec-lenkräfre in dem Zustand der Begei-sterung ihre Stärke bekommen, undwarum diese einen so vortheilhaftenEinfluß auf die Werke des Geschmakshabe; woher es komme, daß jedeeinzcle Vorstellung ein ungewöhnli-ches Leben bekomme; warum abwe-

Z sende