Druckschrift 
1 (1792) [A - D]
Entstehung
Seite
269
Einzelbild herunterladen
 

Aus

kann der Vorsatz zu ihrer Würkungnichts beytragen. Es gicbt keineTheorie, nach welcher wir unscrmGesichte die Traurigkeit einprägenkönnen. Sind wir aber würklichtraurig, so setzt sich alles von selbstin die gehörige Gestalt.

Wir scheuen uns also nicht, ge-gen das Ansehen eines Meisters inder Kunst den Schauspielern zu em-pfehlen, daß sie sich unaufhörlichbefleißen sollen, sich in alle Artender Empfindungen zu setzen. Findensie ihre Seele nicht weich genug, mitden Weinenden zu w.incn, mit demZornigen aufgebracht zu seyn, sothun sie wol, wenn sie solche Rollen,für die sie das nothige Gefühl nichthaben, niemals auf sich nehmen.Ein Mensch, der vorzüglich zu sanf-ten, zärtlichen und gefälligen Nei-gungen aufgelegt ist, muß sich nichtunterstchen, die Rolle eines Wüte-richs zu spielen.

Der Schauspieler, dem die Natureine Fähigkeit alles zu empfindenverliehen hat, kann dieselbe durchfleißige Ucbung erweitern. Er mußdie Werke der besten Dichter ohneUnterlaß lesen, und jeder merkwür-digen Ecene so lange nachhängen,bis seine Einbildungskraft dieselbeihm auf das lebhafteste vormahlt.Denn dadurch wird er selbst in dieLeidenschaft versetzt werden. Dabcybleibet ihm immer noch so viel Nach-denken übrig, daß er auf den gutenAusdruk denken kann.

Ungeachtet aber in der Natur glei-che Ursachen auch gleiche Würkungcnhaben, so sind diese doch, in Absichtauf die Aeußerungcn der Leidenschaf-ten, bey verschiedenen Menschen ver-schieden. Eine große Seele äußertjede Empfindung großer und edler,als eine kleine. Zwey Menschen vonverschiedenen Charakteren, in glei-chem Grad traurig oder freudig, le-gen ihr Gefühl ungleich au den Tag.Es ist demnach nicht genug, daß der

Aus 269

Schauspieler sich in die Empfindungsetze, die er ausdrüken soll: er muffsie in dem besondern Licht, in der be-stimmten Zeichnung des Charaktersausdrüken, den er angenommen hat.Der Held trauert und freuet sich an-ders, wie der gemeine Mensch. Sowol durch einen übertriebenen alsdurch den falschen Ausdruk wird dasEegentheil dessen, was der Dichtergesucht hat, erhalten. Wenn derDichter cdeln Stolz schildert, derSchauspieler aber einen hochtraben-den Menschen vorstellt, so verändertsich die Hochachtung in Verachtung.Wenn der Dichter einen stillen tief-fitzeiiden Schmerz haben will, derSchauspieler aber heult, so wird dasWeinen in Lachen verwandelt. Auchder falsche Nachdruk verderbt alles.

Es gehöret so sehr viel dazu, imAusdruk richtig zu seyn, daß mansich über die kleine Anzahl vollkom-mener Schauspieler gar nicht wun-dern darf. Natur und Fleiß müs-sen sich zu seiner Bildung vereinigen.Von jener hat er einen feinen durch-dringenden Verstand, jeden Charak-ter sich auf das bestimmteste vorzu.stellen, eine lebhafte Einbildungs-kraft, die ihm alles mit lebendigenFarben vor das Gesicht stellt, einfühlendes Herz, das jede Empfin-dung in sich hervorbringen kann.Aber ohne Fleiß und Studium sinddiese Gaben nicht hinreichend, ihnvollkommen zu machen. Er mußden Charakter seiner Rolle auf dasvollkommenste ergründen, bis er diekleinsten Schattirungen desselben er-kennt; die Handlung, in welcher die-ser Charakter sich äußert, muß ihmin ihren klcinestcn Umständen ganzvorAugen liegen; die besondere Ver-anlassung zu dem Spiel der Leiden-schaften muß er auf das genauesteerwägen, und alles so lange überle-gen, biß er sich selbst vergißt, undsich gleichsam in die Person verwan-delt, die er vorstellt.

Man