A u f
Hnl'd (I. ?9?) ist die damit, schon fürdas Drama verknüpfte Schioierigkeit ge-rügt, und H. Lessings llrthcil darüberbepgcbracht.
Aufhaltung.
(Schöne Künsten)
Aiefcs Wort scheinet bequem, umeinen in den schönen Künsten ver-schiedentlich vorkommenden Kunst-griff zu benennen. Er besteht in ei-ner geschikten Verzögerung der Auf-lösung einer Vcrwiklung, die manganz nahe glaubt. In dem Trauer-spiel des Euripides, Iphigenia inTauri«, glaubt man, daß die Er-kcnntniß derIphigcnia und des Ore-stes sogleich erfolgen, und also einHauptknotcn werde aufgelöst wer-den, sobald jeder des andern Na-men hören werde. Aber der Dich-ter wußte die völlige Erkennmißaufzuhalten; und die Aufhaltungsogar durch einige Auftritte durch-zuführen. Eine solche Aufhaltungfinden wir auch im VII Buche derJlias. Hekcor fodcrt einen derGriechen zum Zweykampf auf; Me-nclaus mmmr die Auffoderung an:man wird begierig, den Streit an-zusehen : aber Agamemnon und Ne-stor kommen dazwischen, haltendenMenelaus zurüke, der endlich vonseinem Vorsatz absteht, und dieSache dem Ajax überläßt. Da-durch wird unfre Erwartung aufge-halten, und die Begierde, die Ent-wiklung der Sache zu sehen, nochmehr gereizt.
In dieser Reizung besteht dem-nach die Würkung der Aufhaltung,und eben dadurch wird das Ver-gnügen bey der Entwiklung destogrößer. Ein Werk kann zwar sobeschaffen seyn, daß die Vorstel-lungen ohne Aufhaltung, wie einsanfter und immer gleich fließenderStrohn:, fort gehen; dergleichenWerke aber reizen weniger, als die,
Auf 22Z
darinnVerwiklungcn und Aufhaltun-gen vorkommen; es sey denn, daßalles in der höchsten Natur und Ein-falt auf einander folge. In allenandern Fällen sind Verwiklungenund Aufhaltungen nöthig, und vongroßer Würkung.
Die Aufhaltung betrifft nichtnur große Hauptverwiklungcn einesWerks, sie hat auch in kleinen Thci-lcn statt. Selbst in einzeln Gedan-ken kann sie vorkommen. So ist infolgender Stelle des Horaz eine merk-liche Aufhaltung:
?vtcimu>-. 8i quill vscui lubumbra
I.uiimuz recum, quoll er buncin, annum
Vivar er plures: vge llic I-sci-nurn
Lsrdire csrmen *).
Das erste Wort, ^otcimur, erwcktdie Erwartung, was das seyn möch-te, wozu der Dichter aufgcfodcrtwird, und macht also einen Knoten;dieser wird durch alles, was zwi-schen bolcimur und llic steht,aufgehalten, und dadurch wird dieErwartung größer.
Auch in der Musik giebt es grös-sere und kleinere Aufhaltungen. Inden großem wird ein Gedanke so be-handelt, daß er gerade an der Stel-le, wo man glaubt, er werde durchden Schluß sein Ende erreichen,aufs neue eine andre Wendling be-kömmt **). Kleinere Aufhaltungenkommen beständig bei) Auflösungender Dissonanzen vor, da ein dissoni-render Accord, dessen Auflösung manerwartet, erst noch durch andre Dis-sonanzen geführt und hernach aufge-löst wird.
Bey jeder Verwiklung ist noth-wcndig eine Aufhaltung. Hier ist
nur
*) Nor. 0ll. I. Zt.
^) S. Latenz.