Druckschrift 
1 (1792) [A - D]
Entstehung
Seite
104
Einzelbild herunterladen
 

I°4 All

weil sie auf diese Art mit der Vor-stellung einer Handlung können be-gleitet werden, wodurch ihre Bedeu-tung viel größer und auch kraftigerwird. So könnte die Eitelkeit, sichandern zur Bewunderung darzustel-len ^ durch das Bild eines Pfauenwol ausgcdrukt werden; aber brauch-barer wird die Allegorie, wenn maneine weibliche Figur dazu wählt, ander man die Pfauenfedern als ein Ab-zeichen anbringt. Denn dadurch hatman Gelegenheit, durch den Ausdrukdes Charakters, durch Stellung undHandlung die Allegorie viel bestimm-ter und nachdenklicher zu machen;deßwegcn haben die griechischenKünstler so viel allegorische Personenerdacht. Ein sehr schönes Bcyspielist das oben erwähnte Bild der Noth-wendigkeit aus dem Horaz.

Von der glücklichen Erfindung ein-zcler Bilder hangt auch die Erfin-dung ganzer Vorstellungen ab, sieseyN von der physischen, moralischenoder historischen Gattung. DieseVorstellungen müssen nothwcndigdurch handelnde Personen angedemtct werden; denn eine ans bloßenZeichen zusammengesetzte Vorstellung,nach Art der hicrogkyphischen Schriftauf ägyptischen Denkmälern, ver-dient den Namen eines allegorischenGeniahldes niemals. Es würde ver-geblich scyn, besondre Regeln zu Er-findung solcher Gemahldc geben zuwollen. Inzwischen kann es dochnützlich seyn, wenn der Künstler diedrey Hauptwege zur Erfindung derAllegorie fleißig überdenkt, und sichübet, durch dieselben zu allegorischenVorstellungen zu gelangen.

Der erste und leichteste ist der Wegdes Bcyspiels; da von der Sache,welche man allgemein vorstellen will,blos besondere Fälle, als Beyspielevorgebildet werden, welche, entwe-der durch den Ort, oder durch gewisseNcbenumstände, leicht eine allgemeine

A t l

Bedeutung bekommen können. Einalter Mahler oder Bildhauer durftenur in einem Tempel der Fortuna,den Dionysius in Corinth, den T)w-täus an der Spitze eines Heeres, denMarius, wie er sich in einem Sumpfvcrstckt, D-lisarius, der um Almo-sen bittet, oder andere, eben so tref-fende, besondere Falle großer Glüks-veränderungen, vorstellen; so wardie Allegorie schon da. Der Ort al-lein verwandelte dicfe besondere Fallein allgemeine Vorstellungen über dieMacht des Glücks, dem nichts zuhoch ist, um niedcrgedrükt! nichtszu niedrig, um erhöhet zu werden.Eine von den erwähnten Vorstellun-gen, blos in einem Zimmer gemahlt,macht noch keine Allegorie aus. Dochwürde es einem nachdenkenden Künst-ler nicht schwer werden, sie zur Alle-gorie zu machen. Ein Tempel derFortuna, irgendwo in dem Gemahl-dc selbst gut angebracht, auch blosallegorische Verzierungen des Na-mens, der das Gcmählde einfaßt,wären dazu hinlänglich.

Der Weg des Gleichnisses ist schonschwerer. Der Künstler muß erst eingutes Gleichniß erfinden, das seinenGedanken wohl ausdrücket, hernachaber durch eine andre Erfindung dieDeutung desselben anzeigen. EinGemähld, auf welchem zu sehen wäre,wie ein Sturmwind eine gewaltigeEiche niederreißt, hingegen kleinereschlanke Baume und Sträucher blosetwas niederbeuget, könnte als einebloße Landschaft angesehen werden.Es würde aber zur Allegorie werden,wenn auf demselben Gcmählde Perso-neu vorgestellt würden, an denen mandeutlich merkte, daß sie die Vorstel-lung als ein Gleichniß auf die allge-meine Lehre anwenden, daß den Wi-derwärtigkeiten eine gemäßigte, nach-gebende Gcmüthsart, und nicht einstolzer widersetzlicher Ginn, entgegenzn setzen sey. "Eine mittelmäßige Er-findungskraft kann durch diesen Weg

zu