zu Oer erfreu uusgabe. xix
Ich habe in dem ganzen Werk den Charakter eines Philosophen, undnicht eines Gelehrten, vielweniger eines bloßen Sammlers angenommen.Meine Absicht war gar nicht, alles zu sammeln, was etwa gutes überjeden ästhetischen Gegenstand geschrieben worden. Warum sollte ichim Artikel über die Comödie alle Comödien , und im Artikel Helden-gedicht alle Epopöen die Musterung passiren lasten? Noch wenigernahm ich mir vor, alles Falsche, was gelehrt worden, und noch ge-lehrt wird, zu widerlegen. Meine Hauptsorge war bey jedem Gegen-stand den wahren Gesichtspunkt, aus dem man ihn betrachten muß,wenigstens den, woraus ich ihn betrachte, festzusehen, und dann das-jenige, was ich selbst in dieser Stellung sah, vorzutragen.
Nun bin ich weit entfernt zu glauben, daß ich alles gesehen undmeine Materien erschöpft habe, oder daß ich überall den rechten Punktgetroffen, oder überall völlig richtig gesehen habe. Ich bilde mir sowenig ein, das weitere Nachforschen über die Gegenstande des Ge-schmaks überflüßig gemacht zu haben, daß ich hoffe, eine der ange-nehmsten Früchte meiner Arbeit werde die seyn , daß sie neue Untersu-chungen veranlassen werde. Meinen Grundsätzen, worauf alle Unter-suchungen über Werke des Geschmaks sich stützen müssen, versprecheich Beysall, aber ich hoffe, daß der Gebrauch, den andre nach mirdavon machen werden, den Künsten weit mehr aufhelfen werde, alsdas, was ich zu diesem Behuf gethan habe.
Wenn ich hier und da, wo ich etwa von dem gegenwärtigen Zu-stand der Künste und des Geschmaks spreche, etwas Unzufriedenheitäußere, so muß man dieses nicht als Verachtung und Tadelsucht auf-nehmen. Ich habe es darum hier zum voraus gesagt, daß ich sehrhohe Begriffe von dem Werth der schönen Künste und von dein Berufeines Künstlers habe. Wenn ich nun nach diesen Grundsätzen einenso genannten witzigen Kopf, einen Menschen, der feine Kleinigkeitenmacht, nicht für einen wahren Dichter; einen Mann, der schön colo-riret, oder fein zeichnet, darum noch nicht für den rechten Mahler
b z - halte;