XIV
Vorrede
Man hat durch den falschen Grundsah, daß die schönen Küusie zumZeitvertreib und zur Belustigung dienen, ihren Werth erstaunlich ernie-driget, und aus den Musen, die Nachbarinnen des Olympus sind, irr-dischc Dirnen und witzige Buhlerinnen gemacht Durch diesen unglük-lichen Einfall sind die festen Grundsätze, wo'nach der Künstler arbeitensollte, zernichtet, und seine Schritte unsicssr worden. Wir müssen esdiesen verkehrten Begriffen zuschreiben. die schönen Künste bey vie-len rechtschaffenen Mannen in Verachtung gekommen sind; daß diePolitik sie ihr Vorsorge kaum würdig achtet, und sie dem Zufall über-laßt; das'i^ bep unfern gottesdienstlichen Festen und bey unfern politi-sch« Herrlichkeiten so gar unbedeutend sind. Man hat dadurch demscünstler den Weg zum wahren Verdienst gleichsam verrennt, und ge-macht, daß er sich vor den barbarischen Künstlern halb wilder Völkerschämen muß, die durch ihre unharmonische Musik, durch ihre un-förmlichen Tänze und durch ihre ganz rohe Poesie mehr ausrichten, alsunsre seincste Virtuosen. Jene entstammen die Herzen ihrer Mitbür-ger mit patriotischem Feuer, da diese kaum eine vorübergehende Belu-stigung der Phantasie zu bewürben vermögend sind.
Es muß jeden rechtschaffenen Philosophen schmerzen, wenn er sieht,wie die göttliche Kraft des von Geschmak geleiteten Genies so gar übelangewendet wird. Man kann nicht ohne Betrübniß sehen, was dieKünste würklich sind, wenn man erkennt hat, was sie seyn könnten.Man muß unwillig werden, wenn man stehet, daß Leute, die mit denMusen nur Unzucht treiben, einen Anspruch auf unsre Hochachtungmachen dürfen? Wie langweilig, wie verdrüßlich und wie abgeschmaktbisweilen unsre öffentlichen Feyerlichkciten und Feste, und wie so garschwach unsre Schauspiele seyen, empfindet jeder Mensch von einigemGefühl. Und doch könnte man durch dergleichen Veranstaltungen ausdem Menschen machen, was man wollte. Es ist in der Welt nichts, dasdie Gemüther so gar bis auf den innersten Grund öffnet, und jedemEindruk so einnehmende Kraft giebt, als öffentliche Fcyerlichkeiten, und
solche