133
von Varnhagen vergesse»!" es ginge doch nicht. Vergessen Sie mich nicht !Sie dürfen sich nicht mit einem schlechten Gedächtnisse entschuldigen, IhrGeist hat einen Kontrakt geschlossen mit der Zeit; und wenn ich vielleichtnach einigen Jahrhunderten das Vergnügen habe, Sie als die schönsteund herrlichste aller Blumen im schönsten und herrlichsten aller Himmels-thäler wiederzusehen, so haben Sie wieder die Güte, mich arme Stechpalme(oder werde ich noch was Schlimmeres sein?) mit Ihrem freundlichenGlänze und lieblichen Hauche wie einen alten Bekannten zu begrüßen.Sie thun es gewiss; haben Sie ja schon Anno 1822 und 1823 Ähnlichesgethan, als Sie mich kranken, bittern, mürrischen, poetischen und unaus-stehlichen Menschen mit einer Artigkeit und Güte behandelt, die ich gewissin diesem Leben nicht verdient, und nur wohlwollenden Erinnerungeneiner frühern Konnaissanz verdanken muss." In gleichem Sinne schrieber zwei Monate nachher, als er sich in Lüneburg von allem geistigen Ver-kehr abgeschnitten fühlte, dem um fünfzehn Fahr' älteren Freunde^):„Es ist ganz natürlich, dass ich den größten Theil des Tages an Sic undIhre Frau denke, und mir immer lebendig vorschwebt, wie Sie Beide mirso viel Gutes und Liebes erzeigt, und mich mürrischen, kranken Mannaufgeheitert, und gestärkt, und gehobelt, und durch Rath und That unter-stützt, und mit Makaroni und Geistesspeise erquickt. Ich habe so wenigwahre Güte im Leben gefunden, und bin so viel schon mystificiert worden,und habe erst von Ihnen und ihrer großherzigen Frau eine ganz mensch-liche Behandlung erfahren." lind fast ein Deeennium später, als er, nachParis ausgewandert, im Sonnenglanze seines Ruhmes sich dennoch unbe-friedigt fand, wiederholte er die ernste Versicherung ^Jch bedarf desBewusstseins Ihrer und Frau von Varnhagen's Theilnahme jetzt noch ebenso sehr wie im Beginne »reiner Laufbahn; denn ich stehe jetzt ebenso ein-sam in der Welt wie damals. Nur dass ich jetzt mehr Feinde habe,welches zwar immer ein Trost, aber doch kein genügender ist."
Heines poetische Leistungen mufften in dem Varnhagen'schen Kreise»m so großes Anerkennung finden, als sich in ihnen, bei aller Verschieden-heit der Richtung, doch in formeller Beziehung eine gewisse Verwandtschaftmit der Goethe'schen Dichtweise aussprach. Die volksliedartige Einfach-heit der Motive, die ungekünstelte Natürlichkeit der Sprache, die an-schauliche Gegenständlichkeit der Darstellung und die sich ins Ohr schmei-chelnde Sangbarkeit der Melodie erinnerten einen so feinfühlenden Stil-