98
und die Richtung cm, in der Philosophie blieb es hinter seinem Jahr-hundert zurück.
Es ist schwer, den Zeitpunkt genau zu bestimmen, wo der Verfallder Göttinger Universität beginnt. Die Namen mancher Professoren, derenVorträge und Schriften ihr Glanz und Auszeichnung verliehen, zogen, alsdie geistige Kraft ihrer Träger schon längst erloschen war, noch lernbegierigeSchüler an. Hugo erlebte die Fortentwicklung, die Blüthezeit und zumTheil noch den Untergang der von ihm gestifteten Rechtsschule; Blumen-bach trug sogar bis ins Ende der dreißiger Fahre seine anekdotenspiele-rische Behandlung der Naturgeschichte vor, als Oken und Humboldt ganzneue wissenschaftliche Bahnen erschlossen hatten. So Viel lässt sich be-haupten, dass die seit der französischen Revolution mehr und mehr ein-tretende Entfremdung der Wissenschaft vom Leben, die sich selbst genü-gende todte Gelehrsamkeit, welche jedes störende Anfsehn zu vermeidentrachtete und stets besorgt war, zu früh zur Wahrheit zu gelangen, dieHauptschuld an dem allmählichen Sinken der Hochschule trug. Der Be-freiungskrieg gegen Napoleon fand in Göttingen ein laues und kaltesGeschlecht. Der Jndifferentismus der Alten hatte die Jugend angesteckt;Ernst Schulze, der Dichter der „Bezauberten Rose", war einer der wenigenFreiwilligen, die von Göttingen auszogen. Schlözer's Geist war von derGeorgia Augnsta gewichen, sie wurde zur Prinzen- und Grafen-Univer-sität, ihr Charakter blieb, gegenüber der Begeisterung, welche anderwärtsdie Jugend deutscher Hochschulen entflammte, ruhig, geräuschlos, stabil.
In fachwissenschaftlicher Hinsicht behauptete sie jedoch immer nocheine ehrenhafte Stellung unter den vaterländischen Universitäten. In derTheologie waren Plank, Stäudlin und David Julius Pott die langlebigenGrößen, deren Renommöen um mehre Decennien über die Grenzscheidedes alten in das neue Jahrhundert hinüber blinkten. In der juristischenFakultät wuchsen neben dem alternden Hugo und dem noch älteren Meister,einein trockenen, aber fleißigen und freidenkenden Kriminalisten aus derSchule seines Vaters, jüngere Kräfte empor: Anton Bauer, der sich umdie Förderung der Strafrechtslehre erhebliches Verdienst erwarb und eingesuchter Advokat bei Privathändeln der Fürsten war; der wohlwollendeBergmann, dessen beredter und klarer Vortrag um so anregender wirkte,als das Billigkeitsgefühl nicht hinter den syllogistischen Feinheiten derglatten Darstellung zurücktrat; Karl Friedrich Eichhorn, der sich als aus-