Göttingen, den 1ö. Dcecmb. 1737.
e^cr cmpsindungsvolle und mit Sinn und Hand gleich schöngeschriebene Brief, womit Sie mich, meine theuere Freun-din, beehrt haben, hat mir und allen den Meinigcn, denensowohl, die ihn lesen und empfinden, als denen, die ihn bloßbuchstabiren konnten, außerordentliche Freude gemacht.
Das liebe kleine Geschöpf, das Ihren Namen trägt, unddessen Sie mit so vieler rührenden Herzlichkeit gedenken, istbisher sehr gesund gewesen, ob es gleich von ungemein zartemund feinem Körperbau ist. In ihren Mienen hat sie sehr vielSanftes, fast möchte ich sagen, Heiliges, daher sie auch vor-züglich von Personen geschätzt wird, denen die Madonnenge-stchtchen lieber sind, als die von runden pausbäckigen Porzel-lanpüppchen. Es ist ein vortreffliches Kind. Etwas eigenfreilich, aber eben weil ste einen Charakter hat. Wir gebenhierin um desto williger Vieles nach, als wir gefunden haben,daß ihren Eigenheiten immer etwas Gutes zum Grunde liegt.Meine Uhr und Bücher trägt sie mir jetzt nicht mehr aus demCollegio, weil sie seit einiger Zeit angefangen hat selbst Colle-gia zu hören. Won Morgens neun Uhr an bis um eilf undNachmittags von zwei bis um vier übt ste sich im Strickenaußer dem Hause und nebenher in den ersten Anfangsgründe»der deutschen Literatur. Wenn sie in die Collegia geht, soträgt die Magd den Strickbeutel, sie selbst aber das Buch un-ter dem Arm, ausgenommen bei sehr schweren Witterungsfäl-len, da sie zwar das Buch unter dem Arm behält, aber nunder Magd verstattet, noch außer dem Strickbeutel auch sie mitsammt dem Buche zu tragen. Mit dem Stricken soll es, wie
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