Vorrede
Wie der Rhein mich seinem ungehemmten Laufe durch die weiteoberrheinische Fruchtebene und durch den lachenden Rheingau plötzlichunterhalb Bingen von steilen Waldbergen auf eine schmale Talrinne ein-geengt wird und nur an den untersten sonnigen Hängen und in wenigenAusbuchtungen reicheren menschlichen Anbau bespült, so nimmt die Ge-schichte der Rheinlande nach dem glänzenden Bild der römischen Epocheauf einmal wieder einen fast prähistorischen Zug an, infolge des jähenEinbruchs innergermanischer Völkermassen, die an den Segnungen derMittelmeerkultur bisher nur geringen Anteil hatten. Wie aber geradedie Rheinstrecke zwischen Bingen und Bonn zu den landschaftlichschönsten Gegenden Deutschlands gehört und mit ihren frohen An-wohnern, ihren kiilmen Burgen und dem edlen Rebenblut auf jedermanneine wunderbare Anziehungskraft ausübt, so enthält die merowingischeund karolingische Geschichte der Rheinlande Momente allergrößtenInteresses und weittragender Kulturbedeutung, seien es die Endkämpfezwischen Römern und Germanen, die Wormser Heldensagen, der Wett-streit zwischen Franken und Alamannen oder die Schöpfung derfränkischen Reichseinheit, die sieghafte Ausbreitung des Christentums, dieüberragende Gestalt Karls des Großen. Hier am Rheine prallen in dieserPeriode so gewaltige Gegensätze des Volkstums wie der Kultur auf-einander, daß ihr langes Ringen und ihr schließliches gegenseitiges Durch-dringen Gebilde von einer Größe und einer Auswirkung schufen, welchedie Rheinlande auf lange Zeit zum Mittelpunkt der deutschen Geschichteund Kultur machten.
Leider sank dabei viel römische Herrlichkeit unnötig in Schutt undAsche, wenn auch die landläufige Vernichtungstheorie übertrieben ist;Handel und Wandel zerfiel, weite Ackerbaustrecken verwilderten. Rochglomm das heilige Feuer der Kultur immerhin ruhig weiter. Da und dortblieben Reste der romanischen Bevölkerung, namentlich unter demSchutze der Kirche, zurück, und da und dort siedelten sich Germanen mit