M. Aurelius u. L. Berus. I. Ch. iß8. Anicctus. 125»der Stadt zu entfernen, bewegen und begab sich auf ein unweit der Stadt»gelegenes Landgut. Hier hielt er sich mit einer kleinen Gesellschaft auf,»Tag und Nacht mit nichts Anderem beschäftigt, als mit anhaltendem Ge-„bet zu dem Herrn, worin er um Frieden für alle Gemeinden in der Welt»bat und flehte, denn dies; pflegte er von jeher zu thun. Während er nun»nur dem Gebete sich ergab, sah er, drei Tage vor seiner Gefangennehmnng,»NachtS in einem Traumgesichte, wie sein Kopfkissen nur so plötzlich in»Feuer aufloderte und verbrannte. Als er hierüber erwacht war, erklärte»er alsbald denen, die bei ihm waren, die gehabte Erscheinung, sagte ihnen»was ihm bevorstände voraus und äußerte gegen seine Gesellschaft gerade-zu, daß er um Christi willen den Feuertod sterben müsse. Da nun die,„welche ihn aufsuchten, dieß mit allem Eifer sich angelegen seyn ließen, sah„sich Polykarpus durch das liebevolle Zureden der Brüder noch einmal ge-„nvthigt, nach einem andern Landgute sich zu begeben. Darauf erschienen»bald seine Verfolger auf demselben, ergriffen daselbst zwei Diener und»zwangen den einen derselben durch Mißhandlungen, daß er ihnen das„Versteck des Polykarpus zeigte. Da sie erst spät Abends gekommen»waren, so fanden sie ihn im obern Stockwerke, wo er sich niedergelegt„hatte. Polykarpus hätte zwar von da aus nach einem anderen Hanse flüchten„können, (k) allein er verschmähte dieß, mit den Worten: Der Wille deS„Herrn geschehe! Nachdem er nun erfahren, daß sie da wären, ging er,»wie weiter erzählt wird, herunter und sprach mit ihnen. Sein Angesicht»war dabei so heiler und freundlich, daß jene, die ihn vorher nicht gekannt»hatten, eine Wundererscheinung vor sich zu haben glaubten, wenn sie sein»hohes Alter und seine Miene voll Würde und Ruhe betrachteten und ganz«befremdet waren, daß man auf die Ergreifung eines so bejahrten Man-„nes ein so großes Gewicht gelegt habe. Polykarpus ließ ihnen ohne Ver-»zug sogleich einen Tisch vorsetzen, lud sie sodann zu einem reichlichen»Mahle ein und ersuchte sie um eine Stunde Aufschub, zu ruhigem Gebete.„Nach Gewährung dieser Bitte stand er auf und betete, so voll der Gnade»des Herrn, daß alle Anwesenden, die ihn beten hörten, sich verwunderten,»und viele derselben es jetzt bedauerten, daß ein so ehrwürdiger und gott-seliger Greis hingerichtet werden sollte." Hierauf erzählt der ihn be-treffende Brief den weitern Verlauf seiner Geschichte wörtlich also: „Nach-dem er sein Gebet, worin er aller, mit denen er jemals Umgang gehabt,„Großer und Kleiner, Berühmter und Unberühmter, so wie der ganzen»rechtgläubigen Kirche durch die ganze Welt gedachte, vollendet hatte, und„die Zeit des Aufbruchs erschienen war, so setzten sie ihn auf einen Esel»und führten ihn in die Stadt, am heiligen Abend vor Ostern. Unter-„ivegs begegnete ihm der Friedensrichter (2) Herodes und dessen Vater
(t) Die Dächer sind im Orient platt, so daß man leicht von dem einen auf dasandere gelangen kann.
(2) Die Friedensrichter hatten die Obliegenheit, Aufrührer und Störcr der öffent-lichen Ruhe zu greifen und den Gerichten zu üöcrliefern, weshalb ihnen auch eine AnzahlReiter und leichtes Fußvolk, Diogmiten genannnt, zu Diensten stand.