Trajanus. Jahr Christus 98. Klemens. 93
Auch Dionysius, der zu unserer Zeit die bischöfliche Würde zu Alexandrienbekleidet hat, erwähnt im zweiten Buche seiner Schrift: Bon den Ver-heißungen, wo er Einiges über die Offenbarung Johannis als aus alterUeberlieferung anführt, desselben Mannes mit folgenden Worten: „Cerin-thus, der die nach ihm benannte cerinthische Sekte gestiftet, habe seiner„Ausgeburt einen gewichtigen Namen vorsetzen wollen. Denn dieß sep der„Hauptsatz seines Systemes gewesen, das Reich Christi werde ein irdisches„seyn. Und er habe geträumt, dasselbe werde in solchen Genüssen bestehen,„wornach er selbst als ein ganz sinnlicher, fleischlich gesinnter Mensch be-„zehrte, nämlich in Befriedigung des Bauches und der thierischen Triebe,„d. h. Essen, Trinken und Hochzeitfreuden und in Festen, Opfern und Opfer-„mahlzeiten, durch welche Ausdrücke er jenes beschönigen zu können glaubte."So weit Dionysius. Jrenäus führt noch einige andere geheime Irrlehrenvon ihm in dem ersten Buche gegen die Ketzereien an(1) und erzählt sodannim dritten Buche eine der Aufbewahrung würdige Geschichte von ihm, welcheer seiner Aussage nach dem Polykarpus verdankte. Der Apostel Johannessey nämlich einstmals in eine Badestube gekommen, um sich zu baden, abersobald er bemerkte, daß Cerinthus innen sich befinde, sey er zurückgesprun-gen und zur Thüre hinausgeeilt, ohne es über sich gewinnen zu können, mitihm nur unter Einem Dache zu bleiben. Eben dasselbe habe er auch seinenBegleitern gerathen und ihnen zugerufen: Laßt uns fliehen! die Badeftubemöchte einfallen, da Cerinthus, der Feind der Wahrheit, darinnen ist. (2)
Jahrhunderts ihm einen grobsinnlichen, ganz die Farbe des fleischlichen Judaismus an sichtragenden Chiliasmus zuschriebein Aber wir können wohl beide Darstellungen einandernäher bringen, wenn wir von jeder etwas abzuziehen berechtigt sind. Dem Irenaus konntees leicht geschehen, daß, wo er einige dcm Gnosticismus verwandte Sätze fand, er ein ganzesgnostischcs System daraus machte. Dem heftigen Gegner des Chiliasmus, dem PresbyterKajus, war alles willkommen, was den Chiliasmus von einer nachtheiligen Seite erscheinenzu lassen dienen konnte, und gewiß war er nicht geneigt, die Ausdrücke eines verhaßten Sy-stems auf das Mildeste zu deuten, um so mehr, wenn diese Ausdrücke von einem an jüdisch-orientalische Bildersprache nicht Gewöhnten leicht mißverstanden werden konnten. Fcrnerwar esnatürlich, daß Jrenäus, nach dessen Ueberzeugung der Chiliasmus zur Vollständigkeit derOrthodoxie gehörte, eine solche Ansicht nicht unter den cigenthümlichen Meinungen desverhaßten Gnostikers anführte.
(4) Hier ist das ganze 25ste Kapitel aus dem ersten Buche des Jrenäus: „Ein ge-wisser Cerinthus in Asien lchrk, die Welt sey nicht von der obersten Gottheit gemacht„worden, sondern von einer genügen besondren Kraft, die von dem obersten Hauptwesen sehr„verschieden sey und zwar wider Wissen des Gottes über Alles. Bon Jesu aber behauptet er,„daß er nicht von einer Jungfrau geboren sey (denn dieß schien ihm unmöglich zu sey»), son-dern er sey ein Sohn des Joseph und der Maria gewesen, wie alle andere Menschen; er„hätte aber an Gerechtigkeit, Einsicht und Weisheit alle übertreffen und da sey nach der„Taufe Christus in Gestalt einer Taube von dem obersten Hauptwesen herab in ihn gefah-ren, da habe er seinen unbekannten Vater gepredigt und Wunder gcthan, zuletzt sey aber„Christus von Jesu wieder weggeflogen und da habe Jesus gelitten und sey hernach wieder„auferstanden. Christus aber, weil er ein Geist gewesen, hätte nicht mit ihm gelitten."
Stroth.
(2) Dieselbe Erzählung bringt Eusebius wieder 4, s4. Hieronymus weiß noch weiter:nämlich die Badcstube sey wirklich eingefallen und habe den Cerinthus erschlagen.