76 Vespasiauus. Jahr Christus 70. Linus.
„mit Mühe geschlossen und mit eisenbeschlagenen Querbalken verram-„melt wurde, deren Riegel tief in die Schwelle fielen, sah man um die„sechste Stunde der Nacht ganz von selbst sich öffnen. Wenige Tage aber„nach dem Feste, nämlich am 21. Mai, ließ sich eine wunderbare, allen»Glauben übersteigende Erscheinung sehen. Es würde ein fabelhaftes Wun-»der zu seyn scheinen, was ich sagen werde, wenn es nicht auch von Augen-zeugen erzählt worden und die Größe des eintreffenden Unglücks dem„Außerordentlichen der Wundercrscheinung entsprechend gewesen wäre. Man„sah nämlich vor Untergang der Sonne in der ganzen Gegend herum in»der Luft Streitwagen und bewaffnete Kriegsschaaren durch die Wolken»daherziehen und die Städte umkreisen. Als die Priester am Pfingstfeste„des Nachts ihrer Gewohnheit nach in den Tempel zu den gottesdiensttichen„Verrichtungen gingen, vernahmen sie nach ihrer Aussage zuerst nur Rau-schen und Getöse, dann aber den lauten Ruf: „Lasset uns von hinnen„ziehen!" Noch grauenvoller ist Folgendes: Ein gewisser Jesus nämlich, des„Ananias Sohn, ein ungebildeter Landmann, kam vier Jahre vor dem„Kriege, als die Stadt noch im tiefsten Frieden und im besten Wohlstande„sich befand, auf das Fest, an welchem Alle zu Ehren Gottes beim Tempel„Hütten aufzuschlagen pflegten und fing plötzlich an zu schreien: „Stimme„von Morgen, Stimme von Abend, Stimme von den vier Winden, Stimme„über Jerusalem und über den Tempel, Stimme über den Bräutigam und„die Braut, Stimme über das ganze Volk!" Diese Worte rief er bei Tag„und bei Nacht, durch alle Straßen umherziehend. Aergerlich und aufge-bracht über das Unheilverkündigende derselben ergriffen ihn einige ange-sehene Einwohner und mißhandelten ihn mit vielen Schlägen; allein Jesus,„ohne das Geringste weder für sich, noch gegen die Anwesenden zu sagen,„fuhr fort, nach wie vor auszurufen. Da nun die Obersten der Juden„glaubten, daß, wie es auch wirklich der Fall war, der Mensch mehr von„einer höheren Macht getrieben werde, so brachten sie ihn vor den römischen„Statthalter. Hier wurde er mit Geißelhiebcn bis auf die Knochen zer-„fleischt, allein er flehte nicht, noch vergoß er Thränen, fondern mit dem„allerkläglichsten Ton der Stimme schrie er bei jedem Streiche: Wehe, wehe,„Jerusalem!" Jndeß derselbe Geschichtschreiber erzählt noch etwas Merkwür-digeres. Es habe sich nämlich, sagt er, in heiligen Schriften (1) eine Weisssagung gefunden des Inhalts, daß um diese Zeit einer aus jenem Landeausgehen und die Erde beherrschen würde. Josephus selbst nimmt zwar an,diese Weissagung scy an Vespasianus in Erfüllung gegangen; allein dieserKaiser beherrschte nicht die ganze Erde, sondern nur den den Römern unter-worfenen Theil derselben, daher diese Weissagung mit größerem Rechte aufChristus bezogen werden dürfte, zu welchem der Vater gesprochen hatte: (2)
(tl In welchen, wird nicht gesagt. Vielleicht ist darunter die Stelle Daniel 2, 14.zu verstehen. Auch Suctonius und Lacitus fuhren diese Weihagung, letzterer auch diemeisten der in unserer Stelle enthaltenen Vorzeichen an. Die Stelle des Josephus bcstndctsich in der Geschichte des jüdischen Krieges 6, 5. 4.
(2) Psalm 2, 8.