72 Vespastauus. Jahr Christus 70. Linns.
„und rief, seine Hände zum Himmel cmporstreckend, Gell zum Zeugen an,„daß dieß nicht sein Werk sey." Etwas weiterhin fährt Josephns also fort:(1)„Ich vermag mein Schmerzgefühl hierüber nicht zu unterdrücken. Ich glaube,„daß, wenn die Römer noch länger gezögert hätten gegen diese Frevler, die„Stadt entweder von der sich öffnenden Erde verschlungen oder von einer„Waffersluth überschwemmt oder von den Blitzen Sodoms getroffen worden„seyn würde. Denn sie schloß eine viel ruchlosere Brut in sich, als diejenigen„waren, welche jenes Strafgericht getroffen hat. Durch ihren Wahn-„sinn ging das ganze Volk mit zu Grunde.« Weiter berichtet Jvsephnsin seinem sechsten Buche: (2) „Die Zahl der in der Stadt am Hungertods„Sterbenden ist eben so unberechenbar, als die schrecklichen Auftritte zu„beschreiben sind. Denn in jedem Hanse, wo nur ein Schatten von Nah-rungsmitteln sich zeigte, war Krieg, Personen, welche durch die engsten„Bande der Zärtlichkeit an einander geknüpft waren, wurden mit einander„handgemein, um sich die armseligsten Fristnngsmittel des Lebens zu ent-reißen. Selbst den Sterbenden wurde nicht einmal geglaubt, daß sie nichts„hatten, sondern die Räuber suchten diese, während sie den Geist aufgaben,„ans, ob nicht etwa irgend einer, Speise im Busen bergend, sich nur„sterbend stellte. Sie selbst wankten und rannten, vorHunger(Z) gleich tollen„Hunden den Mund aufsperrend, herum, pochten an die Thüren wie Be-trunkene und stürzten wohl zwei- oder dreimal in einer Stunde in dieselben„Häuser. Die Roth zwang, alles zu essen und was selbst den schmutzigsten unter„den unvernünftigen Thieren nicht zuträglich ist, lasen sie zusammen und„verschmähten dessen Genuß nicht. Zuletzt verschonten sie selbst Gürtel und„Schuhe nicht, ja, sie rissen das Lederwerk von ihren Schildern ab und„zernagten eS. Einigen dienten die Abfallstückchen von altem Heu zur Nah-rung. Denn einige sammelten dergleichen Kehricht und verkauften das„geringste Gewicht davon für vier attische Drachmen. Doch was brauche„ich die ekellose Gier des Hungers in Betreff unbelebter Gegenstände zu„schildern? Ich will eine Geschichte erzählen, dergleichen weder bei„Griechen, noch bei Barbaren erhört worden ist; schauervoll und unglaublich.„Gerne hätte ich, um nicht als Erzähler fabelhafter Wundcrgeschichten bei„der Nachwelt zu erscheinen, diesen Vorfall mit Stillschweigen übergangen,„wenn ich nicht unzählige Zeitgenossen zu Zeugen davonchätte. Auch würde„ich meinem Vaterlande durch Uebergehnng seiner erlittenen Unglücksfälle„einen kahlen Dienst erweisen. Eine durch Geburt und Neichthnm ausge-zeichnete Frau ans den Gegenden jenseits des Jordans, Maria mit Namen,„die Tochter Eleazars, ans dem Dorfe Bathezvr oder dem Nist'phause,„hatte sich mit der übrigen Menge nach Jerusalem geflüchtet, wo sie die
(l) Im IZten Hauptstuck des Sten Buches.
(2> Im dritten Hauptstück desselben.
(3) Dieß widerspricht dem nicht, was Eusebius vorher aus Joscphus 6, 27. ange-führt hatte, daß die Banditen genug zu essen gehabt; da war von den ersten Zeiten derBelagerung die Rede, hier von den letzten. Josephus sagt schon am Ende des zweitenBuchs, daß eidlich auch diese der Hunger ergriffen habe. Stroth.