Druckschrift 
1 (1921) Die vorrömische Zeit
Entstehung
Seite
118
Einzelbild herunterladen
 

118

Ornamente der Hallstattkultur bestätigen. Daneben wurde eine stier-köpfige chthoHische Gottheit verehrt, die noch einen Nachklang in derMinotaurusfigur des Veredariersteins auf der Saalburg hat und vielleichtauch für den fruchtspendenden Juppiter Olbius in Heddernheim in Betrachtzu ziehen ist. Auch der schon in der ausgehenden Bronzezeit beginnendeHauskult mit den sogen. Mondbildern bzw. Stierhörnern dürfte damit Zu-sammenhängen. Aus römischer Zeit ist die thrakisch-illyrische TriasApollo-Diana-Silvanus durch zahlreiche Inschriften und Darstellungenunseres Gebiets bekannt. Ferner werden dionysische und orgiastischeKulte von den Thrakern berichtet, die auch in den Totenmahlen derthrakischen Reitergrabsteine am Rhein eine Erinnerung hinterlassenhaben. In diesem Zusammenhang ist auch der Liebe der Thraker zurMusik zu gedenken, die auch in den hallstättischen Altertümern entgegen-tritt. Auf einer Vase von Ödenburg spielen 2 Männer mit der Leier 2tanzenden Frauen auf, ein andermal eine Frau (oder auch ein Mann?),die vor einem Webstuhl steht, 2 gleichfalls tanzenden Frauen. Auch aufden „venetischen“ Situlen wird viel Musik gemacht, bei Opfern und Ge-lagen. Glöckchenartige Amulette und Anhänger sind im Hallstattschmuckungemein verbreitet.

Die Beschränktheit der Hallstattkultur gegenüber dem Süden hatkeiner besser als M. Hörnes mit wenigen Strichen vortrefflich geschildert:„Was über einem gewissen Kulturhorizont liegt, fehlt gänzlich und fandauch durch den Import keinen Eingang. So findet man keine Münze, keinbeschriebenes Denkmal, kein stilisiertes Pflanzenornament, keine natur-treue Darstellung organischer Wesen, aber auch keinen drehbaren Mühl-stein, keine metallene Pflugschar, Schaufel, Sense; vom Stein- und Städte-bau, Palästen, Tempeln, Brücken und Kunststraßen ganz zu schweigen“(Kultur der Urzeit, Slg. Göschen, III [1912], S. 40).

Aber trotz dieser geistigen Schwerfälligkeit gegenüberden Völkern des Südens muß ein Vergleich zwischen derSiedlu ngsweiseundKultur höhein de r Bronzezeit undder in der Hallstattperiode immerhin einen bedeutenden Fort-schritt zugunsten der letzteren buchen und zwar auf fast allen Gebietendes Lebens.

Die Besiedelung erstreckte sich jetzt gleichmäßiger über die Ebenenund die Gebirge, wenn auch Rodungen von Urwäldern selten stattfanden.Auch der Ackerbau hat an Ausbreitung zwar nicht wesentlich, aber anVermehrung der Getreidearten und Kulturpflanzen stark zugenommen:Erbse, Bohne und Linse sind jetzt bis Norddeutschland vorgedrungen.Vor allem aber hat die Aufzucht vön Haus- und Weidetieren einen sehrgroßen Umfang erreicht. Und nicht weniger bedeutsam sind die Er-rungenschaften auf industriellem Gebiet und im Handels- und Verkehrs-wesen. Nicht nur das Aufkommen des neuen Metalls, des Eisens, sondernauch die dadurch bedingte Technik des Schmiedens hat mannigfache